Na, schön – auch einige der ostdeutschen Demonstranten haben Kritik an Oskar Lafontaines Auftritt beim Montagsumzug in Leipzig geübt. Recht so! Aber auch aus den richtigen, den wirklich treffenden Gründen? Eher nicht.

Man wolle eine Demonstration der Bürger – nicht eine Bühne für Politiker organisieren. Klingt eigentlich gut. Wenn da nicht die faule Unterstellung mitschwingen würde: Wir Bürger sind immer sauber, die Politiker sind immer schlecht. Ich kenne aber viele Politiker, die sich für die Hartz-Reformen einsetzen, die mir verantwortungsbewusster vorkommen als mancher Demonstrant mit seinen Parolen dagegen. Aber lassen wir das – kommen wir zurück zu Lafontaine.

Wer noch über ein wenig historisches, oder wenigstens zeitgeschichtliches Erinnerungsvermögen verfügt, dem muss der Atem über der Tatsache stehen bleiben, dass es dieser Mann wagt, in Ostdeutschland überhaupt noch aufzutreten – schon gar in dieser Rolle.

Oskar Lafontaine war es gewesen, der im November 1989 – kurz bevor Helmut Kohl sich anschickte, seinen Zehn-Punkte-Plan zu verkünden („konföderative Strukturen“ zwischen der Bundesrepublik und der DDR) – eine Verordnung aus der Adenauer-Zeit zu reaktivieren: Man könne doch damit die Niederlassungsfreiheit der Deutschen in Deutschland einschränken, sprich: die Bürger der DDR daran hindern, durch die offene Mauer gen Westen zu ziehen. Man solle also, grob gesagt, die eben gefallene, vom Osten errichtete Mauer aus Beton flugs vom Westen aus durch eine administrative Mauer aus Paragraphen ersetzen. Wollte er die dann etwa mit Polizeigewalt verteidigen, als anti-sozialistischen (oder: anti-nationalen) Schutzwall?

Springen wir weiter in den Frühsommer 1990. Oskar Lafontaine verlangte von der SPD die Ablehnung der innerdeutschen Währungsunion insgesamt (nicht nur der Umtauschquote Ostmark gegen Westmark, die tatsächlich ein währungspolitisches Problem darstellte). Als dies nicht durchzusetzen war, forderte er, die SPD solle wenigstens im Bundestag dagegen stimmen – den Vertrag dann aber im Bundesrat dennoch passieren lassen. Glaubwürdigkeit und Klugheit – Euer Name sei Lafontaine.

Wenig später verlangte er vom damaligen Fraktionsvorsitzenden der SPD in der ersten (und einzigen) demokratisch gewählten Volkskammer der DDR, verlangte er also von Richard Schröder, er solle aus der Ostberliner großen Koalition ausscheiden und damit den angestrebten Einigungsvertrag torpedieren – denn: Die Einheit darf nicht zustande kommen, sonst gewinnt Helmut Kohl die Wahl.

Nach alledem, wenn man sich daran wenigstens erinnert, muss man sich nicht nur fragen, mit welchem Recht dieser Mann überhaupt noch Politik im Namen der deutschen Nation zu betreiben wagt. Man fragt sich überdies, weshalb die ostdeutschen Demonstranten sich nicht gerade aus dieser Erinnerung den Auftritt von Oskar Lafontaine verbeten haben – anstatt nur Politiker als solche zu verpönen. Man sieht doch gerade in diesem Falle, dass es innerhalb der Gruppe der Politiker sehr große Unterschiede gibt: Leute, die sich verantwortungsbewusst mühen – und solche, für die die Ostdeutschen für ihr eigenes Ego beliebig populistisches Kanonenfutter darstellen. Und die über alles marschieren, auch über Erinnerungslücken.