Das ist nun auf die Woche 15 Jahre her – und jetzt fahren wir auf der Urlaubsrückreise an jener Stelle vorbei, an der die Ungarn 1989 für viele DDR-Urlauber die Grenze zu Österreich, zum Westen geöffnet haben und damit eine der Hauptursachen für den Kollaps des SED-Regimes waren. Und jetzt? Jetzt gehen die, na, sagen wir etwas genauer: gehen viele ehemalige DDR-Bürger erneut auf die Straßen, montags und anderentags. Nur dass ihnen niemand mehr die Grenzen und Stacheldrähte beiseite schaffen muss – denn die Grenzen sind offen, die Freiheit ist ihnen sicher.

Wer demonstrieren will, soll demonstrieren (soll vor allem demonstrieren dürfen) – wogegen oder wofür auch immer. Freilich, es darf sich jeder andere sein Teil dabei denken – so wie ich. Auch wenn nun viele eben gegen diese Gedanken demonstrieren möchten.

Wer in den vergangenen Jahren das Glück der Grenzöffnung auch in die andere Richtung, also nach Osten, genutzt hat, der muss sich doch ein wenig wundern - ob in Polen, Tschechien, in der Slowakei oder in Ungarn – keines der Länder ist ohne Spannungen oder Streit, gewiss. Und auch dort leben (nur) Menschen – und Menschen sind, wie sie sind. Aber irgendwie wirken die gegenwärtigen Parodien auf die 1989er-Montagsdemonstrationen auf den ostdeutschen Straßen doch ziemlich unproportioniert. Vor 1989 war den Bürgern der DDR das sozialistische Ungarn noch wie eine Art (Ferien-)Paradies vorgekommen – jetzt gefällt ihnen nicht einmal mehr das Leben in der gemeinsamen Bundesrepublik. Wie würden sie erst demonstrieren müssen, wenn sie zu den Bedingungen leben und arbeiten müssten, die man zum Beispiel im Ungarn von heute vorfindet. Wenn die Ungarn die Ansprüche erheben wollten, die die Montagsprotestanten erheben – sie kämen aus dem Demonstrieren gar nicht mehr heraus.

Nun sind solche Vergleiche stets auch schief – und nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Aber kann man nicht ein Mindestmaß an realistischer Umsicht in die eigenen Lebensbedingungen und in die der Umstehenden erwarten? Kein Pole, Tscheche, Slowake oder Ungar hat einen Nachbarstaat an der Hand, der inzwischen über 600 Milliarden Euro Staatsverschuldung für seine in die Einheit gekommenen Nachbarlandsleute aufgehäuft hat – auch keinen (ehemaligen) Nachbarstaat, der – wie der westdeutsche Teil der Bundesrepublik – jährlich fünf Prozent seines Bruttosozialproduktes in den anderen Teil überträgt. Schließlich: Welcher ostdeutsche Rentner konnte vor fünfzehn Jahren von seiner heutigen Versorgung auch nur träumen? Und wenn man die Hartz-Diskussion erst noch im Zusammenhang mit der Entwicklung unserer westlichen Nachbarländer sehen wollte, und dabei erkennte, wie vergleichsweise milde es hierzulande dabei noch zugeht! Vielleicht wollen die Montagsdemonstranten sich am Ende lieber ein anderes Land wählen. Aber welches? Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn?

Nach 15 Jahren Geschichte in Westeuropa und ein paar Tagen Urlaub in Osteuropa kehrt man also in ein Land zurück, dessen innere Diskussionen und Spannungen – gerade in ihrer vermeintlichen sozialpolitischen Härte – etwas ungemein Unrealistisches an sich haben; unrealistisch übrigens auch in der betreuungssüchtigen Vorstellung, der Staat könne für alles und jedes sorgen, ohne dass irgendjemand genauer sagen müsste, wer das denn alles bezahlen soll, bevor es jemand erarbeitet hat.