Vierter Tag in Athen. 22.43 Uhr im ZDF. Tuffige Löckchen schlängeln sich über die krause Stirn von Studio-Moderator Michael Steinbrecher. Glänzendes Lipgloss verklebt seine besorgte Frage: Ja, was war das denn da heute im Olympic Aquatic Center? Buschschulte nur Sechste, van Almsiek knapp fürs Finale qualifiziert, Di Carli wird Achter, Poewe und Driesen Siebte am Anschlag. Ist das zu fassen? Natürlich nicht. Gott, ist das enttäuschend.Thomas Wark weiß mehr. Noch mehr. Einlauf für Einlauf hat er zusammengeschnitten und die ganze Schmach in bedrückenden Sequenzen aneinandergereiht. Dass es uns ein Herr Rogan aus Österreich vormachen muss, wie man gewinnt. Wenigstens Silber. Dass sich die Buschschulte wie in Sidney wieder nicht auf den Punkt konzentrieren konnte. Dabei hätte es gereicht, wenn sie wenigstens ihre deutsche Rekordzeit von vor x Jahren geschwommen wäre. Von Weltklasse will Herr Wark gar nicht reden. Nein, das will er nicht. Und wie er sich im Griff hat, der Herr Wark. Nicht tränenerstickt klingt die kommentierende Stimme. Nein, jetzt – Stunden nach den Entscheidungen – zerlegt er die große Enttäuschung bereits beinhart analytisch. Ein "viel zu spät" jagt das nächste "unkonzentriert" und alle münden fatal in "abgeschlagen". Gott, ist das enttäuschend.Ja, das ist es, lipglosst da auch schon der gelockte Steinbrecher abmoderierend. Und danke Thomas. Wenigstens hat der nicht enttäuscht. Die Schwere der Niederlage wabert weiter durch die eisig glatte Studio-Dekoration. Da wird auch schon der erste Angeklagte an die öffentllich-rechtliche Schlachtbank geführt: Ralf Beckmann, Cheftrainer des Deutschen Schwimmverbands. Den schlohweißen Kopf gesenkt, schleicht dieser Anführer der Enttäuscher auf den Vernehmungshocker. Nein, das Höhen-Trainingslager in Sonstwo kann kein Fehler gewesen sein. Wirklich nicht? Steinbrecher verengt die Augen unter den Locken zu investigativen Schlitzen. Nein, wirklich nicht. Alle waren in Top-Form, aber der Wind... Ach, der Wind, kommt Inquisitor Steinbrecher in Fahrt, als wolle er einem fünfjährigen Brausepulver-Dieb die ganze Wahrheit entlocken. Ja, der Wind. Sagt Beckmann.Aus der Regie kommt frische Munition. Die Statements der Versager. Nach den Rennen. Antje Buschschulte sieht blass aus hinter dem riesigen ZDF-Mikrofonschutz. Sie hat das Wasser heute nicht richtig zu fassen bekommen. Der Wind, die Wellen. Der jungen Frau stehen die Tränen in die Augen. Ihre Tränen. Vier Jahre Training sind im Wind. Ihr Training im Wind von Athen. Das Gesicht fällt in ihre Hände. Die Hände, die das Wasser heute nicht richtig zu fassen bekamen. Beckmann darf gehen. Steinbrecher freut sich. Frisches Lipgloss. Jetzt kommt Judo. Gold für Deutschland.11. Tag in Athen. 21.46 im ZDF. Antje Buschschulte ist lange wieder zu Hause. Im vorherbstlichen Deutschland, zwei müde Bronzemedaillen um den Hals. Wolf-Dieter Poschmann ist geblieben. Enttäuscht aber geblieben. Nach den kräftezehrenden Misserfolgsmeldungen aus dem Studio kommentiert er sich jetzt aus dem Off durch das nächste deutsche Leistungstal. Durch seine Herzblut-Diszplin: Leichtathletik. Und das bereits gezeichnet. Von 400-Meter-Sprinter Ingo Schulz, das Aus kam schon im ersten Vorlauf. Beschämt von Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss, raus in der Qualifikation. Zermürbt von Diskus-Gold-Hoffnung Lars Riedel, Adduktorenverletzung. Der ZDF-Sport-Chef drückt hörbar die Schultern nach hinten. Heute vielleicht. 200 Meter der Männer. Vorläufe. Nein, gegen diese US-Boys ist natürlich nichts zu holen, keine Chance. Vielleicht, Poschmann kämpft, vielleicht schaffen es Unger, Ernst und Helmke ins Halbfinale. Wenigstens. So klammheimlich. Poschmann flüstert fast.Tobias Unger kämpft unten. Im Stadion, in Echt und auf Bahn 3. Saugt sich gleich an den Ami Crawford ran, rein in die Kurve, vorbei an Williams und... Unger wird Dritter, schafft es in die nächste Runde, 20:30 die Zeit, persönliche Bestleistung. Poschmann atmet bis in die Fußsohlen: Endlich ein deutscher Athlet, der sein Leistungsvermögen mal voll abrufen kann. Sofort senkt sich die Stimme wieder: Einer der Wenigen. Norbert König wird in die Wehmut geschaltet. Er hat den Helden. Das hat ja super geklappt, bestimmt König durch die randlose Brille in den atemlosen Unger hinein. Ja, das hat es. Er ist locker geblieben. Das war ihm wichtig. König hält sein Grinsen und greift nach dem ganzen Stern: Und jetzt ins Finale!? Unger prustet noch. Och, das sei doch schon alles toll hier, schweift sein Blick selig durch das Menschenmeer im Stadion. Wolln´s hoffen, lächelt Unger. Wir auch, verheißt König den Ausgepumten in Richtung wärmender Trainingshose.Ja, das hoffen wir sehr, übernimmt Poschmann die Medaillen-Witterung. Dann sinkt der Mut. Die starken Amerikaner. Er reißt sich nochmal zusammen. Florian Schoenbeck steht beim Speerwerfen der Zehnkämpfer. 60,89 Meter. Mehr als erwartet. Rang zwölf in der Gesamtwertung. Ordentlich, lobt Poschmann vor sich hin. Zehn weitere Leichtathletik-Wettbewerbe laufen noch in dieser Olympia-Nacht. Keiner mit nennenswerter deutscher Beteiligung. Poschmann hat sich im Griff. Bei den Springreitern geht´s um Gold. Ich übergebe.13. Tag in Athen. 20.31 Uhr im ZDF. Reporter René Hiepen im Stimmüberschlag. Die deutschen Hockey-Damen sind Olympiasieger. Sie haben alles genauso gemacht, wie er es die gesamte zweite Halbzeit auf das Kunstrasen-Feld kommentiert hat. Und in alle angeschlossenen Wohnzimmer. Spielt doch klug, Mädels. Haben sie. Ja, das sind diese olympischen Momente, die es nur bei Olympia gibt. Nur dort und nur bei Hiepen. Wir waren ja so enttäuscht nach den Niederlagen in der Vorrunde. Und was haben sie jetzt gekämpft und Hiepen erst. Schon vor Anpfiff hat er ihnen tief in die Augen geschaut und eben da hat er die Begierde auf Gold gesehen. Das hat er. Ganz deutlich. Jetzt wackelt der Olymp, erst hier und später natürlich bei Johannes B. Kerner. Gold feiern.Das wird ´ne Riesen-Fete teast Kerner seine Highlight-Nachklapp-Show. Es soll auch um die vielen, vielen Entbehrungen gehen, die so ein Hockey-Olympiasiegerinnen-Mädel erleiden muss. So als Bruch in der Partylaune. Krawattiert, im dunklen Einreiher lacht Kerner in die singenden Einheits-Trainingsanzüge. So ein Tag, so wunderschön... Jahaha... – die blassen Züge wechseln ins Investigative – aber was haben Sie gefühlt, Heike Lätzsch? An ihren Bruder musste sie denken. Der ja vor fünf Jahren einen tödlichen Autounfall hatte, schiebt Kerner die zwingend vorrecherchierte Dramaturgie an. Genau. Er hätte sie damals zum Hockey spielen gebracht. Zunächst wäre ja Tennis und dann Ballett... Ballett? Im Gepruste der Damen-Riege verdunstet die geplante Rühr-Regenwolke. Auch der Entbehrungs-Coup zündet nicht. Alle danken ihren Eltern. Kerner vergrößert das Kaliber. Natascha Keller. Großvater, Vater und Bruder waren Olympiasieger und jetzt auch sie?! Ja, antwortet Keller. Der Bruder kommt auf die TV-Terrasse. Okay. Jetzt legt Kerner die Live-Schalte obendrauf: Vater Keller im Berliner Studio. Natascha strauchelt, Vater Keller schluckt, Kerner und Bildregisseur gehen auf Großeinstellung. Wer hat da gelacht? Durchatmen im Off. Dann eben keine Tränen. Dann eben nur freuen. Die blondierten Haarstacheln bleiben ungebeugt. Bis zum Nachtmagazin. Danke fürs Zuschauen.