Der nächsten Woche werden viele Amerikaner mit Genugtuung entgegen sehen. Denn am Montag startet der Parteitag der Republikaner in New York, und der große Reigen der Bush-Gegner kann in unmittelbarer Nachbarschaft des republikanischen Politik-Establishments seine monatelang vorbereiteten Protestaktionen starten. Trotz der örtlichen Nähe wird es wohl beim politischen Schattenboxen zwischen den Lagern bleiben, da es schon aus Sicherheitsgründen kaum zu einer Begegnung oder gar einer politischen Diskussion zwischen den Vertretern des "blauen" und des "roten" Amerikas kommen wird. Wo keine Kommunikation stattfindet, da bietet sich jedoch reichlich Möglichkeit zur Selbstdarstellung an. Das Anti-Bush-Lager wird die Parteitagsöffentlichkeit als Trittbrettfahrer intensiv für sich zu nutzen wissen, um die eigene politische Empörung und die eigenen Vorstellungen von einem besseren Amerika zum Ausdruck zu bringen.

Auch die Grand Old Party der Republikaner wartet auf den Montag, um im Herzen Manhattans ihren viertägigen Selbstinszenierungs-Marathon starten zu können. Auch wenn die Zahl der Protestanten in die Hunderttausende gehen soll und die Sicherheitsmaßnahmen nach Aussage des zuständigen Ministers Tom Ridge die strengsten sein sollen, die es jemals gab, so haben die Republikaner mit New York einen geschickten Ort gewählt, um sich als einig und stark zu präsentieren. Sollte es zu massiven Ausschreitungen vor den Türen des Madison Square Garden, in dem Bush offiziell zum Kandidaten gekürt wird, kommen, so wird dies nicht nur die Delegierten drinnen körperlich wie gedanklich zusammenrücken lassen. Es würde auch zur Solidarisierung von Teilen der Bevölkerung führen, die gewalttägiges Protest-Verhalten ablehnen. Auch ein Terroranschlag hätte den Effekt, dass sich viele – wie in einer Kriegssituation – hinter den Präsidenten stellten. Jenseits aller Horrorszenarien bleibt als rudimentäre Botschaft: Wer sich in die Höhle des politischen Gegners begibt – und New York ist eine demokratische Hochburg –, der traut sich was und dem kann man auch was zutrauen.

Unabhängig von dem, was sich draußen vor den Toren des Parteitages abspielen wird, brauchen der Präsident und die Republikaner das Rampenlicht, um das eigene Bild wieder gerade zu rücken, das durch die letzten Wochen in Schieflage geraten sind. Auch wenn George W. Bush eine direkte Verbindung zu den "Schnellboot-Veteranen für Wahrheit" und ihre Verleumdungskampagne gegen den Herausforderer John Kerry abstreitet: Die offenkundige Unterstützung der Gruppe durch Republikaner aus Texas und einen Rechtsberater aus dem eigenen Wahlkampfteam legt einen Schatten auf den Präsidenten. Zu sehr erinnert die aktuelle Attacke gegen Kerry an frühere republikanische Diffamierungen der Vietnam-Veteranen John McCain und Max Cleland in den Jahren 2000 und 2002.

Auf ihrem Parteitag werden die Republikaner gezielt den Blick in die jüngste Geschichte des Landes werfen. Dem Vietnamhelden Kerry wird in New York der heldenhafte Anti-Terror-Kämpfer Bush gegenübergestellt, denn der Präsident hat in puncto Terrorkampf noch immer deutlich bessere Zustimmungsraten als sein demokratischer Rivale. Zugleich setzen die Republikaner auf das begrifflich-emotionale Repertoire, das sie in den letzten Jahrzehnten erfolgreich mit der eigenen Bewegung verknüpfen konnten: Leidenschaft, Optimismus, Gestaltungswille und der amerikanische Traum von Freiheit und Erfolg. Diese Beschwörung des amerikanischen Credos erfolgt vor der düsteren Kulisse, die das Statistische Amt gerade erst am Donnerstag mit seinem sozialpolitischen Jahresbericht für das Jahr 2003 aufgezogen hat: Die Anzahl derjenigen, die in Armut leben, ist im letzten Jahr auf 36 Millionen angewachsen. Das Heer der Menschen ohne Krankenversicherung ist auf 45 Millionen angewachsen. Bush hat eine Reaktion dazu am Donnerstag verweigert. Es ist auch nicht zu erwarten, dass hierzu konkrete Anworten auf dem Parteitag folgen.

"Dies ist keine Wahl über Inhalte, sie ist eine Abstimmung über das Mysterium Bush, das extrem polarisiert. Es ist eine der emotionalsten Wahlen, die es jemals gab". So kleidet Alex Jones, Direktor des Shorenstein-Instituts für Politik und Medien in Harvard, das politische Kopfzerbrechen in Worte, das ihm die vielen Widersprüche des Wahlkampfes offensichtlich bereiten. Nur ein hohes Maß an Irrationalität scheint das fortgesetzte Patt der beiden Kandidaten in den Meinungsumfragen zu erklären, das unabhängig von Veteranen, der Irak-Krise, der verhaltenen wirtschaftlichen Erholung und den sozialen Problemen existiert. Das "Mysterium Bush" ist nicht nur die Chiffre für die tiefe politisch-kulturelle Spaltung des Landes, vielleicht auch für den ersten Kraftakt zur Bewältigung des Traumas "11. September". Das Mysterium bezeichnet auch das Phänomen eines Politikers, der immer wieder überrascht, und deswegen so sehr für sich oder gegen sich einnimmt beziehungsweise eingenommen hat. Bushs Schicksal am 2. November wird also auch davon abhängen, ob es Kerry - der Anti-Bush in Person, Sache und Taktik – glauben machen kann, dass er die Leere zu füllen vermag, die beim Wegfall eines Mysteriums unweigerlich auftritt.