Bei ihrer verzweifelten Suche nach einem Thema, mit dem sie die Wähler vielleicht doch noch für sich erwärmen könnten, haben sich die britischen Konservativen der politischen Korrektheit zugewandt. Sie wachse sich zu schlichtem Wahnsinn aus, verkündete Tory Chef Michael Howard und darf mit dieser Aussage auf eine Zustimmungsquote rechnen, die höher liegt als die für seine Partei. Über die absurden Seiten politischer Korrektheit, die von Amerika nach Europa überschwappte, wird schon seit den frühen 90er Jahren geklagt. Doch das hat ihren Vormarsch nicht aufhalten können. Jede deutsche Politikerrede, bürokratisch, floskelhaft, von allem Anstößigen gereinigt und immer nachdrücklich an Bürgerinnen und Bürger gerichtet, zeugt dafür.

Die political correctness (PC) schafft sprachliche Ungetüme, verdrängt klare Ausdrucksweisen, verneint unbequeme Realitäten und versucht sogar, ihre Erwähnung in Bild und Schrift zu verhindern. Jüngstes Beispiel lieferte in Britannien eine Fernsehreportage, die monatelang zurückgehalten wurde. In ihr wird aufgedeckt, wie Männer asiatischer Abstammung weiße Mädchen, 12, 13 Jahre alt, mit Drogen und Gewalt in Sexsklavinnen verwandeln. Der Film schüre Rassismus und spiele Rechtsextremen in die Hände, lautete der Einwand. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem BBC-Film eines schwarzen Autoren, der die Macho- und Gewaltkultur in seiner ethnischen Gruppe untersuchte. Jetzt wurden beide Programme zur gleichen Zeit - in der schlechtesten Fernsehwoche des Sommers - doch noch ausgestrahlt. Beides sensible, behutsam gemachte Filme, doch die PC-Brigade schäumt vor Wut.

Vor lauter gutmenschlicher Attitüde hat die BBC schon geraume Zeit ihre Fähigkeit eingebüßt, überhaupt noch ansehnliche Fernsehkomödien zu produzieren, die an Fawlty Towers (“Don't mention the war!”) oder Yes Minister heranreichen. In den Sitcoms der BBC sind weiße Männer stets ziemlich unbedarfte Typen, Frauen dagegen großartig und bestimmend, allein Männer aus ethnischen Minoritäten können mit positiven Rollen rechnen.

Außerhalb der Medien treibt PC absurde Blüten: Englische Stadtverwaltungen untersagen öffentliche Weihnachtsbäume als „diskriminierend“, an vielen Schulen ist Sport als kompetitiv verpönt, weshalb in Schottland Fußballspiele bei zu hohem Rückstand einer Schülermannschaft wieder bei Null starten, um den Verlierern die Demütigung zu ersparen. Schulbehörden in England empfehlen, Sporttage durch „Problem lösende Übungen“ zu ersetzen. Auch die Reinigung der Sprache schreitet weiter voran. So verschwand aus amtlichen Dokumenten das Wort Homosexualität.

Auch hat die political correctness andere Trends weiter vorangetrieben. Die Opfer- und Therapiekultur wuchert mit furchterregender Intensität. Clevere Versicherungen hämmern den Briten per TV-Werbung seit Jahren ein: Where there is blame, there is a claim – auf gut deutsch: Wo Schuld ist, gibt's Schadensersatz. Für die Klagekultur werden hunderte von Millionen Pfund für Rechtshilfe verschleudert. Es gibt keine Schicksalsschläge mehr, nur Fehler und Versäumnisse anderer. Persönliches Ungemach gilt als Ausdruck kollektiver Ungerechtigkeit, für die jemand zu büßen und zahlen hat.

Verängstigte Behörden lassen darob schon mal Kastanienbäume fällen, um Klagen von Autobesitzern wegen möglicher Dellen in der Karosserie vorzubeugen. Lehrer gehen nur nach der Unterzeichnung umfangreicher Ausschlussverträge auf Klassenfahrt. Kürzlich rutschte eine Lehrerin auf einem nassen Fleck des Schulhofes aus. Prompt verklagte sie Schule und Behörden auf eine halbe Million Pfund Schadensersatz und lebenslangen Verdienstausfall – auch wenn sie ihre Krücken in Wahrheit gar nicht benötigt, wie sich nun herausstellte, und das horrende Übergewicht der Dame womöglich der bestimmende Faktor für den Sturz war.

Eine von political correctness durchtränkte Gesellschaft verneint persönliche Verantwortung: die Fettleibigkeit, die im Westen grassiert, wird folglich nicht zuviel Fastfood, Glotze und Trägheit angelastet, die Schuldigen sind Gene oder böse Konzerne. Common Sense, gesunder Menschenverstand, hat dagegen einen schweren Stand. Auch manchen Labourpolitikern ist unbehaglich zumute, wenn Sozialarbeiter einem beruflich erfolgreichen schwarzen Ehepaar, wie erst kürzlich geschehen, die Adoption eines Kindes verweigern, mit dem Argument, sie hätten nicht genug Diskriminierung „erlitten“. Von Blair weiß man, dass ihm political correctness ein Dorn im Auge ist. Den langen Marsch verhuschter Gutmenschen-Ideologie durch Institutionen und Bürokratien konnte bislang aber noch niemand stoppen.