Hat er nun, oder hat er nicht? Und wenn er hat, hat er was zu tun mit „Christoph“? Diese Fragen bewegen die Medien. Sie bewegen nicht Sachsen und schon gar nicht die Sachsen. Sie bewegen auch nicht den Bund, weil sich die Sachsen so unbewegt zeigen. Zumindest bewegen sie momentan Peter Porsch, PDS-Spitzenkandidat für die sächsische Landtagswahl, der, laut Akten der Birthler-Behörde, als IM „Christoph“ einen „hohen operativen Wert“ bei Stasi-Bespitzelungen gehabt haben soll. Bewegt zeigt sich auch die PDS. In einer Pressemitteilung vermutet der Landesvorstand in den Vorwürfen eine wahlkampfmotivierte Verschwörung. Aber mal ehrlich: Mit vermuteten Stasi-Verstrickungen gegen politische Gegner lässt sich im Wahlkampf heute doch kein Blumentopf mehr gewinnen. Das wissen auch CDU, SPD und Co. Warum sonst fallen sie nicht über Porsch her? Warum sonst nutzen sie seine Schwäche nicht zu ihrem Vorteil?

Aber welche Schwäche eigentlich? Laut einer Zeitungsumfrage hat die Affäre den PDS-Politiker bundesweit bekannt gemacht, ohne sein Ansehen maßgeblich zu schmälern. Dementsprechend wird die Solidaritätsbekundung des PDS-Landesvorstandes auch flugs in den Wahlkampf integriert. Das klingt dann so: „Die Art, in der diese Vorwürfe erhoben werden, zeugt davon, dass 14 Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit Menschen mit ostdeutschen Biographien immer noch als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.“ Gemein so was: der böse Wessi zerrt den geknechteten Ossi für seine Knechtschaft auch noch auf den Richtblock.

Nun ist ja bekannt, dass Deutschlands Partei des realexistierenden Populismus die Psychologie des Ostens wie keine zweite kennt und sie mit tumben Parolen bedient. Doch wie die PDS die gefühlte Opferrolle der Ostdeutschen, die tief sitzenden Ressentiments gegen Kapitalismus und Demokratie mit der Affäre Porsch verknüpft, ist an Dreistigkeit kaum noch zu überbieten. Nimmt man mal an, dass die Vorwürfe gegen Porsch falsch sind – kaum zu glauben bei der Fülle der Anschuldigen und Indizien – bleibt die eingestandene „grenzenlose Naivität“ eines bekennenden Marxisten.

Informationen über DDR-Literaten, ja sogar über seine Frau Regine, sollen ihm „abgeschöpft“ worden sein. „Als Mann mit sozialistischen Idealen hegte er gegenüber Gesprächspartnern in der DDR keinen Argwohn“, so sein Anwalt Peter Michael Diestel. Die politische Überzeugung habe also aus dem hochintelligente Germanisten und geborenem Österreicher einen einfältigen Muster-DDR´ler gemacht, der hinschaut, aber nur sieht, was er sehen soll, der beflissen lauscht – aber nicht be -lauscht - und der noch beflissener über das Ge - nicht Be -lauschte mit den Vertretern der Staatsmacht plaudert – ist ja schließlich nicht verboten, oder? Nein, verboten ist es nicht, dass Porsch nach einer öffentlichen Lesung der regimekritischen Schriftstellerin Christa Moog einem Stasi-Mitarbeiter gutgläubig Rede und Antwort stand. Verdächtig: durchaus. Fragwürdig: ja. Naiv: unbedingt, aber nicht verboten. In der PDS-Pressemitteilung klingt das dann so: Porsch sei ein Mensch, „dem Vertrauen und Menschlichkeit wichtiger als ideologische Standpunkte und politische Unbedenklichkeit sind“.

Bleibt die Frage, ob Peter Porsch und jener emsige IM „Christoph“ mit seinem „hohen operativen Wert“ ein und dieselbe Person sind. Sie entscheidet möglicherweise über die politische Zukunft des PDS-Politikers, über seine berufliche Karriere hat sie bereits entschieden. Wegen der Stasi-Vorwürfe hat die Universität Leipzig den Professor für Germanistik fristlos entlassen.

Und die PDS? 14 Jahre nach der Wiedervereinigung sieht die SED-Nachfolgepartei in der ideologischen und historischen Verantwortung zunehmend eine Altlast, die es lieber zu vergessen als aufzuarbeiten gilt. Die Täter glauben sich als Opfer einer Hexenjagd, drangsaliert von einem Kapitel deutsch-deutscher Geschichte, für das sie selbst verantwortlich sind. Zu DDR-Zeiten habe er sich unbehelligt von der Stasi gefühlt, gab Porsch an, „14 Jahre danach scheint sie mich zu behelligen“. Wie er denken viele.

Erst eine klare Distanzierung vom SED-Unrecht, erst eine lückenlose Überprüfung von Politiker-Biographien ließe die PDS im demokratischen System des geeinten Deutschlands ankommen. Doch bisweilen fragt man sich, ob sie dort überhaupt hin will.