Fliegen möglicherweise

Das Rauschen der Stadt ist von fern zu hören. Doch die Gesänge der Mauersegler sind lauter. Ausgelassen schweben sie vor dem Fenster auf und ab. Fliegen Formationen um die Häuser herum, scheinbar aus schierer Lebensfreude. Das Mauersegler-Geschwader ist stationiert in der Linienstraße, Berlin-Mitte. Tommi Eckart hat es direkt an seinem Wohn- und Arbeitsplatz aufgenommen, jener Wohnung, die er gemeinsam mit Inga Humpe bewohnt und die natürlich aus mehr als zwei Zimmern besteht.

In das Vogelzwitschern hinein perlen die ersten Gitarrenakkorde. "Ich will stehn, doch das ist unmöglich. Der Himmel über mir magnetisiert mich", singt die Frauenstimme. "Du willst liegen, doch du bist zu leicht. Du kannst fliegen. Vielleicht." Warum denkt man bei den Songs von 2raumwohnung häufig, dass sie morgendliche Stimmungen wiedergeben? Weil das Album es wird morgen heißt und das frühe Licht nach einer durchgemachten Nacht mit sich bringt? Oder weil die meisten Menschen diese süße Schwerelosigkeit nur kurz nach dem Aufwachen kennen?

Wolken ziehen vorbei verströmt den unbezahlbaren Luxus einer Tagträumerei. Es scheint, als hätte die Frau, die singt, alle Zeit der Welt. Sie kennt kein Gestern und kein Morgen. Wer zu solcher Hingabe an den Augenblick fähig ist, muss zumindest einen Zipfel des richtigen Lebens zu fassen bekommen haben. Viereinhalb Minuten Nachhilfe für alle da draußen in ihren Hamsterrädern. Viereinhalb Minuten Destillat eines Lebensgefühls, das den meisten Menschen mit Eintritt ins Erwerbsleben abhanden kommt. Süßer Vogel Jugend.

Wer ihn in den Straßen von Mitte sucht, landet vielleicht irgendwann im adidas-Store und steckt seine Füße in exklusive Retro-Turnschuhe. Kurz nach der Jahrtausendwende tun alle so, als würden sie sich im Secondhand-Laden einkleiden, in Wahrheit aber kommen die Klamotten aus schicken Boutiquen. Dressing down, das eigentlich dressing up ist. Typisch für zugezogene Wohlstandskinder aus Westdeutschland, die noch nicht wissen, wo in der großen Stadt die Musik spielt. Wer dazugehören möchte, kauft sich den Look. Die Mitte-Schnitte, männlich oder weiblich, mit exquisit zerwuscheltem Haar, dazu die Trainingsjacke, waren das erste gesamtdeutsche Mode-Leitbild. Mittlerweile ist der Retro-Turnschuh so etwas wie der röhrende Hirsch der Berliner Republik. Damit kann man sich längst auch in Unterschleißheim trendy fühlen.

Inga Humpe und Tommi Eckart können nichts dafür. Aber sie haben diesem Klischee vor einigen Jahren das erste Klanggewand geschneidert. Es geschah in einem Garten – so hieß ein Schnipsel von 40 Sekunden, den sie für die Zigarettenmarke Cabinet anfertigten. Ein kurzes Stück, so lässig hingeschlunzt wie der Text, der von einer Frau handelt, die sich bei einer Gartenparty in jemanden verguckt und seitdem etwas neben sich steht. Mit diesem Stück gelang ein erstaunlicher Image-Transfer: Der Osten wurde erstmals nach der Wende massenwirksam hip.

Humpe und Eckart, die schon kurz nach dem Mauerfall in den Ostteil Berlins gezogen waren, hatten sich den ursprünglich als Pseudonym gedachten Namen 2raumwohnung zugelegt. Werbemusik galt damals noch als unfein. 2raumwohnung – das klang so schön nach Plattenbau. Bald schon verlangte das Volk nach der Vollversion des Garten- Liedes. Obwohl nicht auf Platte veröffentlicht, rotierte es bei den Berliner Radiosendern. Der Song zeichnet sich bereits durch alles aus, was man noch heute an 2raumwohnung mögen kann. Charmanter Umgang mit der deutschen Sprache. Klare Instrumentierung. Absichtsvolles Lo-Fi. Solche Musik macht man nicht auf einer Bewusstseinsstufe, auf der man durch Kauf richtiger Turnschuhe seine Begattungswahrscheinlichkeit zu erhöhen hofft. Solche Musik macht man, wenn man weiß, wie’s geht.

Die beiden haben genug Erfahrungen gesammelt, um Nachsicht üben zu können gegenüber dem Nachwuchs, der heute die Achtziger wieder heraufbeschwört. Inga Humpe hat früher auch mal Zeilen gesungen wie "Ich düse im Sauseschritt!", ihre Schwester Anette schrieb mit ihrer Band Ideal die definitive Ich steh auf Berlin- Hymne. Tommi Eckart spielte lange mit Andreas Dorau, schrieb Filmmusik. Beide haben mehr als einmal erlebt, dass eine neue deutsche Welle ebenso schnell verebbte, wie sie in Plattenfirmen oder Redaktionen erfunden wurde.

Fliegen möglicherweise

Sie komme einfach nicht mehr weg aus Berlin, sagt Inga Humpe. Man könnte ja auch mal woanders wohnen. In Barcelona. Oder auf dem Land. Aber – tja. Berlin-Mitte. Das habe ihre Musik mitgeprägt, weil sie für Leute spielen wollten, die sie kennen – nicht für ein anonymes Publikum, irgendwelche Zielgruppen da draußen. Das Ergebnis ist auch kompatibel mit ländlichen Gegenden. Kein Wunder, da mindestens jeder zweite Berliner im früheren Leben auch mal ein Landei war – Inga Humpe flüchtete aus dem anthroposophisch geprägten Herdecke. "Nur die ganz Jungen, die unter 20", sagt sie, "die haben manchmal ein bisschen Angst vor uns. Freie Liebe und solche Texte – das ist eben doch was anderes."

Man darf Inga Humpe und Tommi Eckart darum beneiden, dass sie, beide in den Vierzigern, derart unangestrengt und ohne Anbiederei eine Musik erfinden, die so jung klingt, ja: ihrem Wesen nach jung ist. Womöglich ein Privileg von Menschen, für die das Glück sich in Schallwellen verbreitet. Das hat vielleicht mit kluger Lebensweise zu tun. Aber es hat auch und besonders mit einer befreiten Sprache zu tun. In Berlin, mittlerweile auch Hauptstadt der Musikindustrie, gibt es derzeit so viel erfreulichen deutschen Pop wie noch nie. Egal, ob Rosenstolz, Wir sind Helden oder Nylon mit ihren elektrifizierten Chansons – Sänger und Texter haben die Sprachmagie wiederentdeckt, wie sie in den Songs von Weill, Knef oder Hollaender lebte. Nach fast 70 Jahren der Entfremdung trauen sie unserer Sprache wieder zu, dass sie nicht nur zum Schlagerschubiduh taugt, dass sie vielschichtige Bedeutungen hat und Gefühle ausdrückt, die uns etwas angehen.

Diese Musik hat einen Ort, ohne Folklore zu sein. Sie ist gesättigt mit den Erfahrungen elektronischer Tanzstimulation und dem Selbstbewusstsein des so genannten Krautrock, dass es einen "German Way" gibt, der vielerorts in der Welt geschätzt wird – nur eben nicht im eigenen Land. Eine Weile haben sie sich "gefühlt wie auf einer Leprastation", sagen Humpe und Eckart. Angeblich wollte niemand deutsche Texte hören. Verschlossen waren aber vor allem die Ohren der Musikredakteure. Ihre Freunde von Rosenstolz, erzählen sie, verkauften zwei-, dreihunderttausend Platten und wurden vielleicht viermal die Woche im Radio gespielt. Bundesweit. Deutschland, einig Funkloch. Wie man seine Musikkultur hegt und pflegt, das müssen die Deutschen – besonders ihre selbst ernannten Unterhaltungsfunktionäre – noch von den Franzosen lernen.

Auch darüber können Inga Humpe und Tommi Eckart heute lächeln. Manchmal wirken sie, als lebten sie in einem Parallel-Universum. Wir sind die anderen heißt einer der neuen Songs. Er spielt im "Frühling 2007" – und beginnt morgens um halb fünf. Vielleicht leben Inga Humpe und Tommi Eckart einfach schon in einer – irgendwie erfreulich undeutschen – Zukunft. Sie haben dafür einen "Zaubersatz", sagt Inga Humpe. Er lautet: "Das Gute ist besser als das Beste." Will sagen: Es ist ungesund, sich in Perfektionismus und Missgunst zu zerreiben. Vielleicht wird es Zeit, zur Abwechslung mal die NDL auszurufen: die Neue Deutsche Lässigkeit. 2raumwohnung spielen den Soundtrack dazu.