Sie komme einfach nicht mehr weg aus Berlin, sagt Inga Humpe. Man könnte ja auch mal woanders wohnen. In Barcelona. Oder auf dem Land. Aber – tja. Berlin-Mitte. Das habe ihre Musik mitgeprägt, weil sie für Leute spielen wollten, die sie kennen – nicht für ein anonymes Publikum, irgendwelche Zielgruppen da draußen. Das Ergebnis ist auch kompatibel mit ländlichen Gegenden. Kein Wunder, da mindestens jeder zweite Berliner im früheren Leben auch mal ein Landei war – Inga Humpe flüchtete aus dem anthroposophisch geprägten Herdecke. "Nur die ganz Jungen, die unter 20", sagt sie, "die haben manchmal ein bisschen Angst vor uns. Freie Liebe und solche Texte – das ist eben doch was anderes."

Man darf Inga Humpe und Tommi Eckart darum beneiden, dass sie, beide in den Vierzigern, derart unangestrengt und ohne Anbiederei eine Musik erfinden, die so jung klingt, ja: ihrem Wesen nach jung ist. Womöglich ein Privileg von Menschen, für die das Glück sich in Schallwellen verbreitet. Das hat vielleicht mit kluger Lebensweise zu tun. Aber es hat auch und besonders mit einer befreiten Sprache zu tun. In Berlin, mittlerweile auch Hauptstadt der Musikindustrie, gibt es derzeit so viel erfreulichen deutschen Pop wie noch nie. Egal, ob Rosenstolz, Wir sind Helden oder Nylon mit ihren elektrifizierten Chansons – Sänger und Texter haben die Sprachmagie wiederentdeckt, wie sie in den Songs von Weill, Knef oder Hollaender lebte. Nach fast 70 Jahren der Entfremdung trauen sie unserer Sprache wieder zu, dass sie nicht nur zum Schlagerschubiduh taugt, dass sie vielschichtige Bedeutungen hat und Gefühle ausdrückt, die uns etwas angehen.

Diese Musik hat einen Ort, ohne Folklore zu sein. Sie ist gesättigt mit den Erfahrungen elektronischer Tanzstimulation und dem Selbstbewusstsein des so genannten Krautrock, dass es einen "German Way" gibt, der vielerorts in der Welt geschätzt wird – nur eben nicht im eigenen Land. Eine Weile haben sie sich "gefühlt wie auf einer Leprastation", sagen Humpe und Eckart. Angeblich wollte niemand deutsche Texte hören. Verschlossen waren aber vor allem die Ohren der Musikredakteure. Ihre Freunde von Rosenstolz, erzählen sie, verkauften zwei-, dreihunderttausend Platten und wurden vielleicht viermal die Woche im Radio gespielt. Bundesweit. Deutschland, einig Funkloch. Wie man seine Musikkultur hegt und pflegt, das müssen die Deutschen – besonders ihre selbst ernannten Unterhaltungsfunktionäre – noch von den Franzosen lernen.

Auch darüber können Inga Humpe und Tommi Eckart heute lächeln. Manchmal wirken sie, als lebten sie in einem Parallel-Universum. Wir sind die anderen heißt einer der neuen Songs. Er spielt im "Frühling 2007" – und beginnt morgens um halb fünf. Vielleicht leben Inga Humpe und Tommi Eckart einfach schon in einer – irgendwie erfreulich undeutschen – Zukunft. Sie haben dafür einen "Zaubersatz", sagt Inga Humpe. Er lautet: "Das Gute ist besser als das Beste." Will sagen: Es ist ungesund, sich in Perfektionismus und Missgunst zu zerreiben. Vielleicht wird es Zeit, zur Abwechslung mal die NDL auszurufen: die Neue Deutsche Lässigkeit. 2raumwohnung spielen den Soundtrack dazu.