Mittwochvormittag. Der graue Himmel passt zur grauen Außenfassade der Agentur für Arbeit in Hamburg-Mitte. An der Glastür hängt ein Computerausdruck in Klarsichtfolie: "Antragsstelle Arbeitslosengeld II" (ALG II), der Pfeil darunter weist in den linken Gebäudeflügel, Erdgeschoss. Auch die kleinen ALG II-Schildchen neben den Türen sehen provisorisch aus.

Ein Mann mit dunkler Haut, eisengrauen Haaren und einer ebensolchen Jacke irrt durch den Flur, er sucht Zimmer 013, läuft zweimal daran vorbei. "Zwei Stunden habe ich gewartet, um einen neuen Zettel zu bekommen", erklärt er in schlechtem Deutsch. Den ersten Antragsbogen für das neue Arbeitslosengeld hat er nicht verstanden. Sein Zigarettenverkäufer versuchte, ihm beim Ausfüllen zu helfen, und kapitulierte vor den 16 Seiten. Gibt es hier in der Agentur keine Unterstützung? "Die mir helfen?" Der Mann lacht bitter. Hat er gefragt? "Warum? Die helfen mir nie."

Noch nicht alle Anträge verschickt

"Die Personendaten am Anfang des Bogens sind immer gut ausgefüllt", sagt Martina Barkmann, die in der Annahmestelle arbeitet. "Ich habe den Eindruck, dass die Leute von Seite zu Seite unsicherer werden und irgendwann aufgeben." Es sind immer dieselben Fragen, mit denen die Antragssteller in das Büro kommen: Wie fülle ich das aus? Und welche Unterlagen muss ich mitbringen? "Dann setzen wir uns mit dem Kunden hin und klären das gemeinsam."

Barkmann, eine eher zierliche Frau mit schulterlangen Haaren und einer Brille, die in ihrem Gesicht groß wirkt, arbeitet eigentlich in einer anderen Abteilung. Aber diese Woche springt sie für ihre Kollegin ein, die im Nebenraum Mitarbeiter schult. Momentan bearbeiten zwanzig Sachbearbeiter der Agentur in der Geschäftsstelle Hamburg-Mitte die ALG II-Anträge. Wenn Anfang September alle Schulungen abgeschlossen sind, werden es mehr sein. Bis dahin sollen auch alle Formulare an die künftigen Empfänger verschickt sein. Hamburg-Mitte als größte Geschäftsstelle der Stadt betreut knapp 8.000 der 42.000 Arbeitslosenhilfe-Empfänger. Bis jetzt sind etwa 320 ALG II-Anträge zurückgekommen. Meist bringen die Betroffenen die Papiere persönlich vorbei – und stellen Fragen.

Keine Protestler

Im vorderen der beiden Wartezimmer sind die weißen Plastiksitze rechts und links an den Wänden leer. Im zweiten Warteraum, schräg über den Flur, sitzen eine Frau und zwei Männer, ein dritter, mit Dreitagebart und einem für diese Temperaturen viel zu warmen Pullover, steht direkt neben der Tür. Er starrt auf die elektronische Anzeigetafel; sie zeigt die aktuelle Wartenummer an und das Zimmer, in das sich der Antragssteller begeben soll. Er summt den Dreiklang vor sich hin, der jeden Wechsel auf der Anzeigetafel begleitet, als könnte er sie damit beschwören.

"Den Antrag hat mein Sohn für mich ausgefüllt", sagt die eine Frau mit leiser Stimme und kaum merklichem Akzent. Die Haare hat sie zu einem strengen Zopf geflochten, im Sitzen stehen ihre Füße akkurat nebeneinander, Knie geschlossen. Ihre Zähne blitzen auf zu einem schüchternen Lächeln. Sie deutet auf das erste Blatt, fein säuberliche Schul-Schreibschrift, mit Füller. "Da kennt sich ja keiner aus, und es sind lauter Wiederholungen drin." Sie hat früher als Kindertagesfrau gearbeitet, wurde krank, fand danach keine Arbeit mehr. Dass sich montags regelmäßig zwischen 600 und 800 Menschen in der Hamburger Innenstadt zu Demonstrationen gegen Hartz IV versammeln, davon weiß sie nichts. "Meine Familie hat andere Probleme."

"Ich demonstriere nicht gegen etwas, bei dem ich selbst noch nicht durchblicke", sagt ein junger Mann mit Tätowierung am Oberarm. Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, stützt seinen braun-gelockten Kopf in die Hände und schaut mit trüben Augen auf. "Vielleicht ist das Arbeitslosengeld II ein bisschen gerechter. Und hoffentlich sind dann auch die Sozialbetrügereien nicht mehr möglich." Er klingt nicht besonders überzeugt.

Der zweite Mann hat ein kantiges Gesicht und kurzgeschorene, schwarze Haare. Er ist Steinmetz, seine Firma hat vor Jahren Insolvenz angemeldet. Seiner Meinung nach wird noch viel zu wenig protestiert. "Die Leute schlafen noch, die wissen noch nicht, was auf sie zukommt." Nach dem Antragsbogen befragt, zieht er misstrauisch die schwarz-buschigen Augenbrauen zusammen. "Bei niemandem werden so viele Daten abgefragt wie bei uns."

Der Dreiklang ertönt, alle Augen richten sich auf die Anzeigetafel. Es ist die Nummer des ungeduldigen Pulloverträgers, schon ist er zur Tür hinaus. Dafür tauchen andere Antragssteller auf, ziehen eine Nummer aus dem kleinen Kästchen auf dem Flur und setzen sich ins Wartezimmer. Ein ständiges Kommen und Gehen, auch wenn die Hälfte der Stühle frei bleibt.

"Bei mir macht das Arbeitslosengeld II keinen Unterschied aus", sagt ein rundlicher Mann in fleckigem Hemd. "Von der Arbeitslosenhilfe muss ich ja die Miete noch abziehen." Ihm sei absolut klar, dass es so nicht weitergehen konnte. "Das Arbeitslosengeld ist eine Versicherungsleistung, aber die Hilfe – mit der ging es nur so lange gut, wie Geld da war." Im ganzen Streit um Hartz IV werde viel aufgebauscht, weil es sonst nicht interessant sei. Klar, die 16 Seiten Formular "die schockieren". Die Fragen erinnern ihn an das Finanzamt. "Da hat Clement wohl abgeschrieben", sagt er und lacht über das ganze, breite Gesicht.

Ängste