Donnerstagvormittag. Ein strahlend blauer Himmel lässt die Glasfront des Einkaufszentrums "City Carre" aufblitzen. Links liegt das Cinemaxx-Kino, gegenüber dem Magdeburger Hauptbahnhof, und auf dem Dach hockt Spiderman, ein einsamer Wächter von Friede und Wohlstand. Nur wenige Passanten schlendern an den Springbrunnen- und Blumeninseln vorbei. In einem Seitenflügel ist die Gemeinsame Anlaufstelle für die Antragsstellung von Arbeitslosengeld II untergebracht, mit Blick auf das Modehaus Wöhrl, das die neue Herbstkollektion ausstellt. Im Treppenhaus erklingt beschwingte Popmusik. Die IG Metall sitzt ein Stockwerk höher.

Der Grauhaarige im elektrischen Rollstuhl manövriert sich geschickt vor die Sitzreihe. Ein kleiner Teddybär an der Armlehne schaukelt hin und her. "Ich weiß gar nicht, warum ich diesen Antrag zugeschickt bekommen habe. Ich bekomme doch meine Rente", murmelt der Mann und wedelt mit dem Brief. Die Wartezone ist leer. Die Tür zur Anmeldung steht offen. Davor ist ein rotes Seil gespannt, das die Schlange von Antragsstellern in geordnete Bahnen lenken soll. Es erinnert an die Absperrung, mit der man Kinogänger davon abhält, die Vorführsäle zu früh zu betreten. Der schwarzweiße Teppich dämpft die Schritte des breitschultrigen Wachmannes in blauer Uniform, der den Flur entlang schlendert. Die Stimme der Anmelde-Dame ist deutlich zu hören, sie spricht am Telefon: "Waren Sie schon bei Ihrem Bildungsträger?" Dann, etwas ungeduldig: "Ich vermittle keine Jobs!"

Pflichtveranstaltung beim Bildungsträger

Die Gemeinsame Anlaufstelle wird von Mitarbeitern der Agentur für Arbeit und dem Sozialamt Magdeburg betrieben. Insgesamt müssen 18.000 so genannte "Bedarfsgemeinschaften" in Magdeburg ihre Anträge abgeben. Um Problemen beim Ausfüllen vorzubeugen, hat die Landeshauptstadt ein System mit "Bildungsträgern" entwickelt: Jeder Antragssteller muss eine Informationsveranstaltung bei einem der 17 speziell geschulten Anleiter besuchen. Wer ohne guten Grund fern bleibt, bekommt wegen "Meldeversäumnis" zwei Wochen lang jegliche Unterstützung gestrichen. Danach können in freiwilligen persönlichen Sitzungen die ALG II-Anträge gemeinsam ausgefüllt werden.

"Unsere Kunden nehmen diese Hilfe gerne in Anspruch", sagt Ramona Freiboth, die für die Koordination zuständig ist. Die zierliche Frau im rosa Jackett zieht die Augenbrauen unter dem blond gefärbten, kurzen Pony hoch. Die Kristalle an ihren Ohrringen wackeln. "Hier läuft alles in ruhigen, geordneten Bahnen. Was sicher auch an der Organisation liegt." Ist der ALG II-Antrag ausgefüllt, vereinbart der Kunde oder sein Bildungsträger einen Termin bei der Annahmestelle. "So vermeiden wir lange Wartezeiten."

Angst bleibt

"Mit dem Antrag hatte ich keine Probleme", sagt ein Mann mit langen blonden Haaren, Vollbart und schwarzer Lederjacke. Er kaut heftig an seinem Kaugummi. "Ist ja alles auf deutsch geschrieben, nicht wahr?" Das Prinzip der Bildungsträger geht offenbar auf, keiner im sich füllenden Warteraum wurde von den 16 Seiten Formular abgeschreckt. "Bei der Trainingsmaßnahme haben wir einige Tipps bekommen", erklärt eine rundliche Bauingenieurin mit blonden Haaren und Brille. "Aber ich hätte das auch alleine ausfüllen können."

Unsicherheit bereitet allerdings der noch undetaillierte Gesetzesentwurf. "Man kriegt so gar nichts mit", heißt es. Und: "Muss ich meinen Nebenjob im Januar aufgeben, weil ich mehr als einen Euro die Stunde bekomme?" Oder: "Keiner weiß genau, was kommt, was einem zum Leben bleibt. Wir können im nächsten Jahr noch mal darüber reden, was ich vom ALG II halte." Ein Maler in Jeans und ausgelatschten Turnschuhen, dessen grausträhnige Haare sehr sorgfältig gelegt sind, beugt sich vor: "Ich habe 45 Jahre gearbeitet und sehe nicht ein, dass ich jetzt so herabgesetzt werde wie..." Er ringt nach einem Vergleich, presst schließlich heraus: "...wie ein Stück Vieh!" Er lehnt sich erschöpft zurück und fragt leise: "Wer will mich noch mit 59?"

45 Quadratmeter für eine Person