Die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse kann man nur beglückwünschen zu der Idee, die arabische Welt dieses Jahr zum Schwerpunkt zu machen. Es ist eine mutige Entscheidung in diesen Zeiten, in denen das Image der arabischen Welt mehrheitlich mit Terrorismus gleichgesetzt wird. Doch gibt es da ein Problem: Die arabische Welt existiert gar nicht, zumindest nicht als homogenes Ganzes. Wohl gibt es arabische Staaten sowie unterschiedliche und vergleichbare, komplizierte und unberechenbare arabische Völker. Die arabische Welt aber ist ein Konzept, eine Utopie. Die Araber wissen das und geben es nicht gerne zu. Fast könnte man meinen, sie hätten sich verschworen, sich niemals zu vereinen, niemals öffentlich mit einer einzigen starken, überzeugenden Stimme zu sprechen.

In der arabischen Welt beruhen die verschiedenen politischen Systeme nicht auf gleichen Strukturen. Ihre Ursprünge und Zwänge sind von Land zu Land verschieden. Alle Versuche, diese Welt zusammenzuschließen, scheiterten: Das betrifft sowohl den 1952 durch einen Putsch an die Macht gekommenen ägyptischen Präsidenten Nasser als auch den 1969 durch einen Putsch an die Macht gekommenen libyschen Präsidenten Ghaddafi.

Wie kann eine solche Vielfalt auch zusammengeführt werden? Welche Gemeinsamkeiten gibt es überhaupt zwischen den Erdölmonarchien am Golf und den Maghrebländern, deren Bevölkerungen ihrer Abstammung nach mehrheitlich keine Araber, sondern Berber sind? Etwas haben fast alle diese Staaten jedoch gemein, einen Mangel an Demokratie, ein Familienrecht, das zu den rückschrittlichsten der Welt gezählt werden kann.

Das ist die negative Seite. Die positive besteht in einer zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert angesiedelten glorreichen Vergangenheit, einer Epoche, in der die wesentlichen wissenschaftlichen und philosophischen Grundlagen von den Arabern entwickelt wurden und die Welt beeinflussten. Ein anderer gemeinsamer Punkt ist die arabische Sprache, Hocharabisch, die Sprache des Korans, die nur von Eliten gesprochen wird, denn jedes Volk hat seinen eigenen Dialekt. Der Islam seinerseits ist mehr als eine Gemeinsamkeit: Er ist eine moralische Referenz – durch die die politischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte jedoch unaufhörlich verzerrt und entstellt werden.

Das böse Wort vom "Agenten des Westens"

Zur Buchmesse (6. – 10. Oktober) sind einige Vertreter jener Eliten eingeladen. Es sind Schriftsteller, die ausnahmslos Hocharabisch schreiben. Die meisten kommen aus Ägypten, nicht nur weil der von der Arabischen Liga und der Alesco (der arabischen Unesco) ernannte arabische Kommissar der Messe, Mohammed Goanem, aus Ägypten stammt, sondern auch weil Ägypten von jeher das vitale Zentrum der arabischen Kultur ist und sich als die authentische Wiege der arabischen Literatur begreift.

Vor dem libanesischen Bürgerkrieg 1975 hatten sich aufgrund der Zensur viele Autoren und Verleger in Beirut niedergelassen. Es geht das Gerücht, einer der Beweggründe für die Zerstörung Libanons sei die Rolle Beiruts als Hort kultureller Kreativität, vor allem als Hort der Freiheit gewesen. Heute lebt der Libanon unter syrischer Besatzung, und ein Großteil seiner Politik wird von Damaskus aus diktiert. Wer das politische System des Polizeistaats Syrien kennt, weiß, dass alles unter Kontrolle ist – der Zustand der Kultur ist nicht schwer zu erraten.

Der fatale Irrtum deutscher Verantwortlicher der Buchmesse besteht darin, sich an Staaten und nicht an Autoren zu wenden. Dazu muss man wissen, dass die meisten der arabischen Schriftstellerverbände an den Staat gebunden sind. Nur der marokkanische Verband hat sich schon immer der Vormundschaft der Regierung und des Palasts entziehen können, jedoch nicht der der politischen Parteien. Die Staaten werden nur Autoren zur Buchmesse schicken, die ihnen weder durch Protest noch durch die Entlarvung ihrer Machenschaften unangenehm werden könnten. Doch die Rolle des Schriftstellers ist es ja gerade, kritisch und abweichend zu sein. Den Fehler kann man am besten mit Hilfe eines Vergleichs illustrieren: Man stelle sich vor, in den Jahren zwischen 1960 und 1980 hätte die Frankfurter Buchmesse die Ostblockstaaten zum Schwerpunkt gemacht. Es wären auch nur offizielle Literaten und staatsgenehme Autoren aufgetaucht. Die Dissidenten wären gewiss nicht mit von der Partie gewesen.