Chemische Moleküle können zwar explosive Verbindungen eingehen, doch politische Reaktionen rufen sie selten hervor. Normalerweise. Eine Substanz allerdings birgt ungeahnten Sprengstoff: Kohlendioxid (CO2). Es ist geradezu ein politisches Molekül.

Kohlendioxid entsteht, wenn Menschen tun, was sie immer und überall tun: in Kraftwerken Kohle, in Heizungen Gas und in Automotoren Öl verbrennen. Heizen sie dadurch die Erde auf? Lassen sie Gletscher schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen? Pfuschen sie der Natur ins Handwerk, die sich einmal fürchterlich rächen wird? Die Regierungen Europas sind davon überzeugt, die Regierung der Vereinigten Staaten ist es nicht. Nach ihrer Lesart – Anlass für einen transatlantischen Dauerdisput – sind nicht die Menschen schuld an der Erderwärmung; es ist, umgekehrt, vor allem die Natur, die den Menschen übel mitspielt. Veränderungen der Sonnenaktivität lassen die Erde schwitzen, nicht exzessiver Energieverbrauch, so Washingtons Sicht der Dinge.

Bis vor wenigen Tagen. Mitten im Wahlkampf hat die US-Regierung nun zum ersten Mal in einem amtlichen Dokument bestätigt, was der Großteil der Klimaforscher schon seit langem predigt: Dass Kohlendioxid die wichtigste Ursache des Klimawandels ("the largest single forcing agent of climate change") ist – und dass die seit 1950 registrierte Erwärmung des nordamerikanischen Kontinents wahrscheinlich nicht allein auf natürliche Klimaschwankungen zurückzuführen ist. Enthalten ist die kleine Sensation in einer unscheinbaren Anlage zum amerikanischen Haushaltsplan, die von der Bush-Administration in der vergangenen Woche dem Kongress übermittelt wurde.

Kohlendioxid als Hauptursache des Klimawandels – Präsident George W. Bush selbst hat sich und die Amerikaner damit als größte Klimafrevler geoutet. Denn keine andere Nation bläst auch nur annähernd so viel CO2 in die Atmosphäre wie die USA. Doch ist mit der Erkenntnis auch der Wille zur Besserung verbunden? Ratifizieren die Vereinigten Staaten nun das Kyoto-Protokoll, mit dessen Hilfe die weltweiten Treibhausgasemissionen reduziert werden sollen? Und verordnet Bush der US-Wirtschaft endlich eine Medizin, die sie zur Senkung ihres immensen CO2-Ausstoßes veranlasst?

Wohl kaum. Bush dementierte sogar prompt, dass seine Regierung ihre Haltung in Sachen Klimaschutz überhaupt geändert habe: "Ich glaube nicht, dass wir das getan haben", gab er in einem Interview zu Protokoll. Und dennoch: Offensichtlich spüren Bushs Berater, dass sie sich mit ihrem anti-ökologischen Kurs ins Abseits manövrieren – womöglich sogar bei den Wählern jener 15 umkämpften Bundesstaaten, in denen am 2. November die Entscheidung über den zukünftigen Präsidenten fällt.

Viele Unternehmen, die Bush vor Ökosteuern und Emissionshandel schützen zu wollen vorgibt, begegnen dem Klimawandel ohnehin unverkrampfter als das Weiße Haus. Der Aluminiumkonzern Alcoa hat längst akzeptiert, dass es die Menschen sind, die das Klima verändern – und hat seine Treibhausgasemissionen seit 1990 um ein Viertel vermindert; der Chemieriese DuPont schaffte sogar rund 50 Prozent. Bush betätigt sich als Lobbyist für eine erodierende Lobby. Ausgerechnet das ungrüne Wirtschaftsmagazin Business Week erklärte kürzlich in einer Titelgeschichte, warum die Geschäftswelt die Erderwärmung so ernst nimmt: Weil sie damit rechnet, dass ihre Emissionen in Zukunft irgendwie begrenzt werden – sei es durch politische Vorgaben, sei es durch ökonomische Zwänge.

Nichts beeindruckt Unternehmensführer mehr als die Bewegungen des Aktienkurses. Genau der aber dürfte in Zukunft tatsächlich zunehmend auch davon bestimmt werden, ob und wie sich die Manager den Herausforderungen des Klimawandels stellen: Agrarkonzernen und Versicherungen blühen beispielsweise Verluste durch Wetterextreme, Strom- und Autofirmen müssen mit steigenden Brennstoffkosten rechnen. Für den Aktienkurs bleibt das nicht folgenlos, weil die institutionellen Investoren global warming längst als Einflussgröße für ihr Anlageverhalten entdeckt haben.

95 von ihnen mit einem Anlagevermögen von mehr als 10 Billionen Dollar – darunter Rockefeller & Co sowie die Münchener Rück – haben sich vor vier Jahren am Amtssitz des britischen Premierministers Tony Blair in London zum so genannten Carbon Disclosure Project zusammengetan. Seitdem haben sie bereits zweimal die 500 größten Unternehmen der Erde befragt, wie sie den Risiken und Chancen des Klimawandels zu begegnen gedenken. Die Investoren verlangen Transparenz – und schicken sich allein dadurch an, heilsamen Druck auf die Unternehmen auszuüben.