Ulf Schröder hat erfahren, dass im Leben eines Lehrers manches anders kommt als geplant. Als Realschulpädagoge landete er an einer Grundschule. Obwohl er Musik studiert hat, kümmerte er sich in den letzten Jahren hauptsächlich um Computer. Nicht für möglich gehalten hätte er jedoch, dass er auf einer Baustelle die Sommerferien verbringen würde. Auch nach deren Ende eilt er noch in kurzen Hosen, Freizeithemd und verstaubten Sandalen über das Schulgelände, von Malern zu Schreinern und weiter zu den Möbelpackern. Dabei sollte der Schulleiter eigentlich den Stundenplan seiner Schule fertig stellen, denn der Unterricht hat bereits begonnen. In den Pausen halten sich Schüler die Nase zu, weil es aus dem neuen Lehrerzimmer beißend nach Lack stinkt. "In diesem Schuljahr ist alles anders", sagt Ulf Schröder. Denn die Neumark-Schule in Berlin-Schöneberg wird Ganztagsschule. Nicht nur die Fassade des Backsteinbaus bekommt ein frisches Gesicht. Auch im Innern wird erweitert und von Grund auf renoviert. Denkmalgeschützt und über hundert Jahre alt ist das Gebäude, nach dem Umbau wird es nicht mehr wiederzuerkennen sein.

Die Schule als Großbaustelle – für viele Lehranstalten passt dieses Bild auch im übertragenen Sinn. Knapp drei Jahre nach den verheerenden Ergebnissen beim Pisa-Test stecken Deutschlands Schulen im Reformfieber. Vorbei die Zeiten, als sich Politiker und Lehrerverbände noch in Grundsatzdebatten verhakten, während andere europäische Länder Stück für Stück ihre Schulen modernisierten. Der deutsche Glaubenskrieg – Leistung versus Chancengleichheit, Gesamtschule contra Gymnasium – scheint fürs Erste ausgefochten. Die Schule darf endlich dazulernen.

Überall geben Bildungspolitiker ihren Schulen mehr Selbstständigkeit – und verpflichten sie gleichzeitig zu mehr Kontrollen (siehe die Übersicht auf Seite 30). In fast allen Bundesländern sollen Schüler dank neuer Lehrpläne in Zukunft weniger Fakten pauken, sondern vermehrt Probleme lösen und eigenständig denken lernen. Schwache Schüler sollen besser gefördert und leistungsstarke mehr gefordert werden.

Dass Bildung im Kindergarten beginnt, Ganztagsschulen notwendig sind und zwölf Jahre bis zum Abitur ausreichen – darüber sind sich mittlerweile selbst so unterschiedliche Schulpolitiker wie Bayerns Monika Hohlmeier (CSU) und Klaus Böger (SPD) in Berlin einig. Sie stimmen auch darin überein, die Neuerungen möglichst zügig zu verwirklichen. Jedoch zeichnet sich ab, dass das Reformtempo den Schulen zu viel zumutet. Jedenfalls befürchten es viele Schulleiter, Lehrer und Eltern.

Die Ganztagsschule kommt jetzt, die Kantine erst im nächsten Jahr

Das gilt zum Beispiel in Berlin, wo ein neues Gesetz den Schulen ein gutes Dutzend Reformen gleichzeitig vorschreibt: von Förderplänen für versetzungsgefährdete Schüler über Vergleichsarbeiten bis zum Zentralabitur. Besonders gefordert sind hier die Grundschulen. In der Neumark-Schule etwa müssen Ulf Schröder und seine Kollegen nicht nur die Ganztagsbetreuung der Kinder organisieren. Neue Unterrichtsfächer stehen ebenso auf dem Pflichtenplan wie das Verfassen eines Schulprogramms. "Und jetzt kommt auch noch die Diskussion um die Rechtschreibung", schimpft Schröder. "Die können wir nun wirklich nicht gebrauchen."

Denn gleichzeitig beginnen die Fortbildungen für die nächsten großen Veränderungen: Vom nächsten Jahr an werden Kinder in Berlin bereits mit fünfeinhalb eingeschult. Zudem gilt dann die so genannte flexible Eingangsstufe, in der Erst- und Zweitklässler gemeinsam in eine Klasse gehen. Jeder Schüler soll nach seinen Begabungen gefördert werden und zwischen unterschiedlichen Herausforderungen wählen können. "Das erfordert einen völlig neuen Unterricht", prophezeit Schröder.

Die meisten Lehrer an der Neumark-Schule wollen, dass sich etwas verändert, sagt die Lehrerin Christina Adler. "Aber bitte nicht alles zur selben Zeit." Typisch deutsch sei dies. Jahrelang sei nichts geschehen, "nun muss es von jetzt auf gleich ohne große Vorbereitung gehen". Obwohl die Erstklässler bald vor der Tür stehen, wissen die Lehrer an diesem Tag noch nicht, wie sie den Ganztagsbetrieb gestalten sollen. Wie sie Lernen und Spielen über den Tag verteilen und welche Rolle die Erzieher übernehmen, die aus dem Kinderhort an die Schule versetzt werden. "Am Anfang müssen wir improvisieren", sagt Christina Adler. Auch die Kantine wird erst im nächsten Jahr fertig. Bis dahin wird das gelieferte Essen in einem umgebauten Klassenraum serviert. Christina Adler ist eine Anhängerin der Ganztagsschule. Gerade ihre Schüler – zu 90 Prozent aus Migrantenfamilien – werden profitieren, wenn sie am Nachmittag nicht auf der Straßen herumlungern, sondern in der Schule bleiben, wo sie auch beim Spielen deutsch sprechen. Zur Ganztagsschule sieht sie keine Alternative. "Aber besser wäre es gewesen, man hätte noch gewartet", sagt sie.