DIE ZEIT: Viele überforderte Lehrer und Eltern wollen zurück zu ihrem jeweiligen "Kerngeschäft". Aber was ist eigentlich das Kerngeschäft der Schule?

Wolfgang Edelstein: In Deutschland glaubt man, dies sei der Unterricht. Also neigen Lehrer dazu, sich aus breiter gestellten Aufgaben zurückzuziehen. Zumindest Gymnasiallehrer empfinden sich meist als Unterrichtsspezialisten und nicht als Menschen, die vor allem mit der Entwicklung von Persönlichkeiten betraut sind. Dabei sollte im Zentrum der Schule die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stehen.

Dass sich die Ideologie vom Kerngeschäft in Deutschland so gut halten kann, liegt an den spezifischen Unzulänglichkeiten unseres Schulwesens. Die Lehrerausbildung ist fachorientiert, in der zweiten Phase steht der Unterricht im Mittelpunkt. Die dreigliedrige Schule sucht leistungshomogene Gruppen herzustellen, der Stundenplan beherrscht die Halbtagsschule. Wie ein Panzer wehrt die Schule alle Aufgaben der Entwicklung und Erziehung ab.

ZEIT: Lehrer ziehen sich aber nicht nur aus ideologischen Gründen auf den Unterricht zurück. Sie verweisen auf die Pisa-Studie, die den zentralen Missstand deutscher Schulen in zu wenig qualifiziertem Unterricht sieht.

Edelstein: Wenn man Unterricht in Schweden, Kanada, den USA und anderen Ländern beobachtet, erscheint der deutsche Unterricht keineswegs weniger qualifiziert. Aber der Lernprozess der Schüler steht hier nicht im Zentrum. Stünden Schüler und Lernen im Mittelpunkt statt frontaler Belehrung, dann wären die Ergebnisse der Pisa-Studie erheblich besser. Der konfrontative Unterricht ist zudem sehr anstrengend, er bringt die Lehrer an ihre Leistungsgrenzen. Ich würde die Hypothese riskieren, dass der Lernprozess umso erfolgreicher ist, je liberaler das System ist, das ihn organisiert.

ZEIT: Was steht liberalen Bedingungen im Weg?

Edelstein: Die frühe Trennung der Kinder im dreigliedrigen Schulsystem, also die klassenspezifische, durch frühe Selektion eingeschnürte Schule. Unser System ist nicht darauf eingestellt, mit der Verschiedenheit von Schülern umzugehen, also sortieren wir sie auseinander. Außerdem hindert uns die Unfähigkeit, den Lernprozess in den Mittelpunkt zu stellen – und die Schule in die Nachbarschaft hinein zu öffnen. Wir haben historisch ja lange die Ablösung der Schule aus der Obhut der Kirche, der Elternhäuser betrieben und sie mit Eigensinn ausgestattet. Das war richtig. Aber wir haben dabei auch die Bürger, die Gemeinde, die Eltern aus der Schule exiliert. In Schweden oder England sieht man, dass es besser gehen kann. Gute Schulen zeichnen sich durch Kooperation von Lehrern und Eltern aus und durch Integration in den Stadtteil.