Der Schreck sitzt Heinz Schmurr noch in den Knochen. Vor zwei Wochen hörte er zufällig im Radio, dass gerade eine Schule in Goldberg zusammengebrochen sei – ein Plattenbau aus DDR-Zeiten. Fünf Arbeiter wurden von den Trümmern erschlagen. Goldberg liegt in Mecklenburg-Vorpommern, gar nicht so weit weg von Putbus auf Rügen, wo Schmurr, ein arbeitsloser Handwerksmeister, mit seiner Familie wohnt. Und die Schule seines Sohnes ist ebenfalls ein Plattenbau. "Die müssten sie eigentlich auch sofort sperren lassen", sagt der Vater. Doch es ist kein Geld da für einen Neubau. Auch nicht für eine anständige Sanierung. So griff der 39Jährige zur Eigeninitiative. Er verbrachte die Sommerferien damit, in der Schule eine Essensausgabe einzubauen, inklusive Spülbecken, Wasseranschluss und Fliesenspiegel. Ein befreundeter Elektromeister hat die Kabel gelegt, Herd und Boiler angeschlossen. Alles kostenlos natürlich.

So ähnlich läuft es zurzeit vielerorts in Deutschland. Die Schulen haben kein Geld, die Eltern machen sich Sorgen. Manchmal protestieren sie auch ein wenig, doch vor allem packen sie an. "Was soll ich über vergangene Fehlentscheidungen schimpfen", sagt Schmurr. "Ich will, dass es in Zukunft besser funktioniert." Für Bildungspolitiker ist Heinz Schmurr damit eine Art Mustervater. "Wir werden in Zukunft noch mehr auf das freiwillige Engagement der Eltern setzen müssen", sagt etwa der Sprecher der Hamburger Bildungsbehörde, Alexander Luckow. Dabei lässt der Sparkurs des Staates den Eltern oft keine andere Wahl, als einzuspringen. Auch mit Klassenfahrten ist es häufig so. Weil Hamburger Lehrer mit der neuen Arbeitszeitverordnung unzufrieden sind und sich immer häufiger weigern, eine Fahrt zu organisieren, müssen die Eltern entscheiden: Entweder fällt die Reise flach, oder sie übernehmen selbst die Betreuung ihrer Kinder – was sie dann oft auch tun. Genauso, wie der Schulförderverein der Grundschule Ruhlsdorf in Teltow bei Berlin das Geld für Spielgeräte auf dem Schulhof lockergemacht hat, anstatt darauf zu warten, dass die Stadt doch eines Tages etwas zuschießt.

Wie groß das Engagement der Eltern ist, lässt sich an der Zahl der Schulfördervereine ablesen, die sich in Deutschland gegründet haben: 20000 gibt es inzwischen, mit Millionen von Eltern, die nicht nur ihre Beiträge zahlen und Spenden einsammeln, sondern Klassenräume streichen, den Schüleraustausch organisieren oder sogar, wie in Teltow, Benefiz-Rockkonzerte betreuen. Honoriert wird das erzwungen-freiwillige Engagement vom Staat allerdings nicht, vielmehr werden noch ein paar Kostenbescheide draufgelegt.

Zum Beispiel bei den Schulbüchern. Berlin hat die Lernmittelfreiheit abgeschafft; die meisten Bundesländer schreiben eine Beteiligung der Eltern an den Kosten vor. Oder beim Schulweg: In Brandenburg dürfen die Kommunen seit diesem Jahr einen Elternbeitrag an den Fahrtkosten verlangen; andernorts, etwa in Baden-Württemberg, ist das schon üblich. Bei mehreren Kindern kommen so schnell ein paar hundert Euro im Jahr zusammen. Hinzu addieren sich neue Belastungen durch die Einführung der Ganztagsschule: Für das Mittagessen in den Schulen werden je nach Bundesland und Schule bis zu vier Euro fällig. Dem wachsenden Engagement der Eltern tut das keinen Abbruch, vor allem in den Vereinen. "Fördervereinseltern sind eben keine Ärgereltern", sagt Dietmar Bronder, Vorsitzender des Bundesverbandes der Schulfördervereine.

In der Pausenhalle des Christianeums, eines altsprachlichen Gymnasiums in Hamburg, stehen schon seit 26 Jahren Mütter von Montag bis Donnerstag hinter der Theke und kümmern sich darum, dass ihre Kinder etwas Ordentliches zu essen bekommen. Unter ihnen ist Birgit Voss-Neckelmann. "Natürlich könnte das hier auch ein Catering-Service machen", sagt sie. "Aber so ist es doch persönlicher. Die Kinder können zwischen mehreren Angeboten wählen und müssen nichts essen, was schon warm angeliefert wird." Das Aufwärmen übernehmen die Mütter. 80 von ihnen engagieren sich hier insgesamt. Eine Traumquote, das weiß auch die Elternratsvorsitzende Dagmar von Hurter. "Natürlich sind wir hier in einer privilegierten Situation. Anderswo sind die meisten Mütter berufstätig und könnten gar nicht mitmachen bei dem Angebot."

Da liegt das Problem: Der Staat zieht sich zurück, verlässt sich auf die Eltern, und die kümmern sich auch – allerdings vor allem in sozial besser gestellten Stadtvierteln und Regionen. So droht die Kluft zwischen guten und schlechten Schulen weiter aufzureißen. An der Eigenherd-Grundschule in Kleinmachnow bei Berlin, das sich zu einer der reichsten Gemeinden Brandenburgs entwickelt hat, erteilten oder finanzierten die Eltern im vergangenen Schuljahr mehr als fünfzig Arbeitsgemeinschaften, von Französisch bis Fechten. "Wir haben eine fast hundertprozentige Bedarfsdeckung", sagt der Fördervereinsvorsitzende Georg Heyne stolz. Nur ein paar Kilometer weiter, in der Spreewaldgrundschule in Berlin-Schöneberg, gibt es dagegen keine einzige von Eltern organisierte Arbeitsgemeinschaft, aber riesige soziale Probleme und einen Ausländeranteil von bis zu 80 Prozent.

Mittlerweile entstehen überregionale Initiativen, die sich um Schulen in sozialen Brennpunkten und ohne Lobby kümmern. In Oberhausen etwa fördert der Rotarier-Verband sieben Grundschulen, unter ihnen die Tackenberg-Grundschule. Die Rotarier kommen nicht nur für eine neue Kletterwand auf oder für die Finanzierung von Arbeitsgemeinschaften. Jede Schule hat einen Paten, der Eltern und Lehrer berät und Kontakte zu Sponsoren herstellt. Neuerdings gibt es eine bundesweite Internet-Plattform namens Bildungslückenfüller, auf deren Website Schulen ihren Bedarf anmelden können, ganz gleich, ob sie Computer suchen, neue Stühle oder einen Malermeister. Gegründet hat die Aktion der Berliner Unternehmer Joachim Bartz, dessen älteste Tochter gerade eingeschult worden ist. "Wer sich bei uns meldet und hilft, kriegt eine Bildungslückenfüller-Plakette", sagt Bartz. Im Herbst startet eine Radio- und Fernsehkampagne: Die Plakette soll zur Marke werden, mit der sich Firmen gerne schmücken.

Auch als Hilfslehrer werden Eltern eingesetzt – zumindest in den Grundschulen. Berlin will die Mitarbeit der Eltern im Unterricht in der neuen Grundschulverordnung festschreiben. Darüber sind allerdings viele Elternvertreter überhaupt nicht glücklich. "Ich möchte meine Kinder nicht von irgendwelchen Eltern unterrichtet wissen, die keinerlei pädagogische Ausbildung haben", sagt Felicitas von der Burg, die im Kreiselternrat von Hamburg-Eimsbüttel sitzt. Und ihr Elternratskollege Günter Thomsen ergänzt: "Wenn die Eltern jetzt ordentlich mitmischen, belohnen sie den Staat auch noch für sein Nichtstun."