An einer Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Bosniens von Jugoslawien Anfang März 1992 nahmen nur die bosnischen Muslime und die Kroaten, zusammen 61 Prozent der Bevölkerung, teil. Sie stimmten fast alle mit Ja. Die Serben, fast ein Drittel der Bosnier, wollten bei Jugoslawien bleiben und stimmten nicht mit. Einen Monat später erkannte die damalige EG den neuen Staat an. Tags darauf, am 6. April, formierten sich die serbischen Abgeordneten unter der Führung von Radovan Karadžić zur "Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina". Gleichzeitig begannen die Kampfhandlungen. Schon im Vorjahr, 1991, hatten sich Slowenien in einem kurzen und Kroatien in einem langen und blutigen Krieg von Jugoslawien gelöst. Als Reaktion darauf hatte die EG auf ihrem Gipfel in Maastricht im Dezember 1991 feste "Kriterien" für die Anerkennung exjugoslawischer Republiken formuliert. Die fatale Volksabstimmung war eines davon.

Mit Hilfe der "Jugoslawischen Volksarmee" konnten die Serben unter Karadžić ihre Siedlungsgebiete in Bosnien militärisch "arrondieren". Muslime und Kroaten wurden zu Hunderttausenden systematisch vertrieben. Die erste heiße Phase des bosnischen Krieges endete schon im Spätsommer 1992. Die Serben hielten 71 Prozent des Territoriums; die Frontlinie blieb von da an drei Jahre lang fast unverändert. Schon im Oktober 1992 begann die zweite heiße Phase, diesmal zwischen den bis dahin verbündeten Muslimen und Kroaten. Eine dritte heiße Phase dauerte von Mai bis September 1995: Alle Kriegsparteien "arrondierten" ihre Gebiete. Die jeweilige gegnerische Armee zog sich freiwillig zurück, die Bevölkerung folgte. Am Ende hielten Muslime und Kroaten 51 und die Serben 49 Prozent des Landes. Der Friedensvertrag von Dayton/Ohio Ende 1995 nahm daran nur noch kleine Korrekturen vor. Der Krieg kostete etwa 200.000 Opfer, mehr als die Hälfte der Bevölkerung verlor ihren Wohnsitz.

Die Nachbarstaaten Serbien und Kroatien unterstützten kaum verdeckt die Kriegführung der Serben beziehungsweise der Kroaten. Die UN stationierte schon 1992 Blauhelme und richtete im Jahr darauf "Schutzzonen" ein, die nicht angegriffen werden durften. Der Krieg ging weiter, die UN-Resolutionen wurden missachtet. Europäer und Amerikaner entwarfen drei Friedenspläne, die alle verworfen wurden. Im Winter 1994/95 rissen die USA das Krisenmanagement an sich, rüsteten Muslime und Kroaten auf und griffen serbische Stellungen aus der Luft an. Norbert Mappes-Niediek