Wir Vielfahrer kennen sie. Sabine Siebecker verkauft in den Fernzügen der Deutschen Bahn Eis. Wir laufen uns ständig über den Weg. Kaum ruckt der Zug an, greift der Zugchef zu Mikrofon und Zettelchen und spult sein Sprüchlein herunter: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder, soeben ist unsere Eisverkäuferin zugestiegen und bedient Sie nun mit leckeren Eisspezialitäten an Ihrem Platz. Wir wünschen Ihnen einen erfrischenden Genuss." Wenn er das sagt, dann dauert es nicht mehr lange, und sie kommt.

Heute ist Freitag. In Stuttgart besteigen wir den IC 2012 Oberstdorf–Dortmund. Sie hat am Bahnsteig gestanden, um auf den Zugführer zu warten und ihm das Zettelchen mit dem Spruch in die Hand zu drücken. Dann legt sie los. Erst die 1. Klasse, dann die 2. und wieder retour. Nächster Halt Heidelberg. Linker Hand ziehen Fabrikhallen an uns vorbei, das Areal der "Heidelbergerdruckmaschinenfabrik". Schönes Wort. So schön wie "Amplatzservice". Guck, da hat der Mehdorn früher geschafft, sagen die Ortskundigen. Jetzt organisiert er den Auszug der Beamten aus der Servicewüste ins Heilige Land der Aktienmärkte. Nur wir Vielfahrer wissen um die Nöte und die Verunsicherung der Zurückgebliebenen. Wir sehen mehr als andere. Und für solche wie die Siebeckerin haben wir sowieso ein Auge. "Ein Phänomen", sagen wir. "So eine hat der Mehdorn doch gar nicht verdient."

Sabine Siebecker ist 26 Jahre alt und trägt einen himmelblauen rechteckigen Thermoskasten vor sich her. Der wiegt mit Eis und Kühlakkus gut 12 Kilo. Unter den Schulterriemen hat sie als Puffer ein weinrotes Pad geklemmt. Die lange Seite nach vorn gedreht, eckt der Kasten an den schmalen Sitzreihen nicht an. Auf seinem Deckel befinden sich Klarsichthüllen. In die schiebt Sabine Siebecker bunt bedruckte Pappkärtchen. Jedes zeigt ein andere Eissorte: Viviana, die Freundin der Diabetiker, Lion, Macao, den Eiskonfekt und Creme Ricotta Pfirsich, das Eis des Jahres, das gar nicht laufen will.

Die älteren Damen in der ersten Klasse betrachten das junge Ding etwas herablassend. Aber noch ehe ihr Mund sich auftut und ein "Na Kindchen, was haben Sie denn da?" sagen kann, hat es sich heruntergebeugt und die Bildchen vor ihren Augen in Position gebracht. Erwachsenen reichen die Bildchen. Die Kinder, die in der Ferienzeit per Bahnexpress zu den Großeltern verfrachtet werden, bohren tiefer: "Was hast du da drihiin? Darf ich da mal reingucken?"

Eine Hand betatscht ihren Rücken. "Nur ein Scherz", sagt der Fahrgast

Sabine Siebecker verwandelt Menschen in Eichhörner. Sie sollten mal diese Männer sehen, Ende 50, vorruhestandsverdächtig, dezenter grauer Anzug. Wie hingebungsvoll sich ihre Äuglein auf die Box richten, wie andächtig sie das Eis aus der Folie schälen, die Haselnussstückchen aus dem Schokoladenüberzug picken und kraftvoll ihre Kronen in der weiß-braunen Macao-Masse versenken. Was wären sie ohne Sabine Siebecker! Die Frau mit dem Bauchladen, die Hausiererin im Zug klopft an die Tür ihrer geheimsten Wünsche.

Seit Herbst 2003 dürfen die Bahnkunden die cremigen Köstlichkeiten auf Sitze, Blusen und Krawatten tropfen lassen. Eis und Personenverkehr vertrugen sich bis dahin nicht. In dem Nadelöhr zwischen Göttingen und Kassel fiel das Tabu zuerst. Mittlerweile bedient die bahneigene Eistruppe auch die Fernzüge im Raum München, Bremen, Hannover, Hamm und Mannheim. Seit Mai zieht sich Sabine Siebecker das dunkelblaue DB-Servicehemd über und schnürt die schwarzen Sportschuhe. Die von früher, vom Basketball. Um die Knöchel zu entlasten.

Dreimal die Woche lenkt sie ihr Fahrrad zum Mannheimer Hauptbahnhof. Dort hat sie ihren Stützpunkt. Dort warten ständig frisch gepackte Kühlboxen auf sie. Mit denen fährt sie dann im Gleisdreieck zwischen Frankfurt, Karlsruhe und Stuttgart umher. Vom späten Vormittag bis zum frühen Abend währt so eine "Eisschicht". Der Teilzeitvertrag geht bis Januar. Man befinde sich noch in der Versuchsphase. "Aber es läuft gut", sagt Sabine Siebecker, die sich die Arbeit mit einem Dutzend Kollegen teilt.