Für unseren Bundestag ist die Sache klar: Viele Abgeordnete haben die DDR gehasst, einige sogar unter Lebensgefahr verlassen. Darum wurde die Einheit keine Einheit unter Gleichen, sondern ein Beitritt. Mit Blick auf Gesetze, politische Überzeugungen oder die Wirtschaftsordnung war eine vollständige Übernahme des westdeutschen Modells richtig. Ich spreche aber von der ostdeutschen Identität, von der Geschichte dieses (unseres!) Landes.

Die DDR existiert nur noch als Folklore in Fernsehsendungen. Wir sind auf dem besten Wege, sie aus unserem Geschichtsbuch zu streichen. Es gibt aber keine gesamtdeutsche Identität, wir haben keine gemeinsame Geschichte, wir haben zwei Vergangenheiten.

Für die heutige Elite ist dies kein Problem, sie ist froh, die DDR entsorgen zu können und mit ihr Schandmale wie den Palast der Republik. Ich frage mich aber, ob sie überhaupt das Recht dazu hat. Darf der heutige Bundestag über den Abriss entscheiden?

Geschichte wird die DDR erst für meine Generation der unter 25-Jährigen. Wir sind entweder im Westen aufgewachsen und noch nie im Osten gewesen oder kennen die DDR nur aus Kindheitserinnerungen. Wir sind die erste Generation, die die DDR als Teil ihrer Geschichte bewerten darf, und damit die ersten, die sich mit dem Schicksal des Palastes der Republik auseinander setzen dürfen. Wir sollten ihn deshalb erst einmal stehen lassen.

Ansonsten werden wir uns in fünfzig Jahren womöglich ärgern und darüber diskutieren, ihn wieder aufzubauen, um ein Museum über den Alltag und die Menschen in der DDR aus ihm zu machen.

Wir werden uns aber aus guten Gründen gegen den Wiederaufbau des Palastes entscheiden (so wie damals gegen das Stadtschloss) und erkennen müssen, dass wir selbst unsere Geschichte zerstörten, sie aber nicht losgeworden sind.

ANDREAS ZENTHÖFER, 23 JAHRE, BAD BREISIG