Wenn die moderne Musikwelt an etwas krankt, dann am Zuviel des Guten. Wer Beethoven-Sinfonien mit Furtwängler unter seinen Schellackschätzen hütet, der wird auf Simon Rattles Lesart mit den Wiener Philharmonikern getrost verzichten können, und wer Benjamin Britten als Liedpianist in Schuberts Winterreise schätzen gelernt hat, der weiß, dass Vergleiche mit Reimann und Andsnes nicht unbedingt zum Vorteil der Jüngeren ausgehen. Wozu also braucht die Welt überhaupt noch Neueinspielungen, etwa großer Violinkonzerte?

Die Antwort mag zunächst pragmatisch klingen: Weil es immer wieder neue, großartige Geiger gibt, die diese Stücke spielen müssen, sonst würden sie nie komplette Musiker werden. Und weil, nach einem Wort George Steiners, letztlich nicht die Künstler die Werke interpretieren, sondern die Werke die Künstler. In diesem Sinne stellen sich der 30-jährige litauische Geiger Julian Rachlin und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons nun Mozarts drittem Geigenkonzert sowie dem Brahms-Konzert (Warner 2564 61561). Wer hier auf musikalische Hausmannskost tippt, der irrt.

Schon in der Einleitung zum Kopfsatz von Mozarts G-Dur Konzert macht Jansons klar, mit wie viel stilistischem Feinsinn er den Notentext studiert hat. Es wird auf dem Atem phrasiert, aber nie rhetorisch-ideologisch überzogen. Das Orchester leuchtet in einer Transparenz, wie sie für ein Mozart-Bild jenseits der historischen Aufführungspraxis beispielhaft sein könnte. Die Klanggebung bleibt nie unverbindlich oder bloß allgemein, alles federt und lächelt und duftet.

Rachlin mag nicht über den größten, sirenischsten aller Geigentöne verfügen (sein Instrument ist die Ex Carrodus-Guarneri del Gesù von 1741): Sein Bekenntnis zu Mozart wie zu Brahms ist ungeheuer persönlich, und doch verschwindet er als Virtuose so sympathisch in den Werken, dass man von seinem Spiel unwillkürlich berührt und in Bann gezogen wird. Hinreißend, weil hinreißend modern sind Sam Frankos Kadenz im ersten Satz des Mozart-Konzertes und das Fingerspitzengefühl, mit dem Rachlin sich dieses glitzernden Taunetzes annimmt. Fast ebenso überzeugend das von innen sich aufladende Adagio und der offen verhallende Schluss des Rondos. Auch im Brahms-Konzert findet sich kaum Schwerblütiges, wobei es Jansons und den BR-Symphonikern bei aller Agilität und Nervigkeit sehr wohl gelingt, den melancholischen Unterton des Geschehens nicht zu vernachlässigen. Julian Rachlin schwelgt mal in pastoraler Verhangenheit wie im ersten Satz, mal kämpft er sich, gleichsam Paprikaschoten spuckend und mit Witz und Lust, durch die Eruptionen alla zingarese des Finales. Wozu die Welt Aufnahmen wie diese braucht? Damit Fragen wie diese sich erübrigen.