Die Wirtschaft mit dem schnellsten Wachstum der Welt? China! – Der Markt, auf dem Sie sich Abwesenheit nicht leisten können? China! – Der Motor hinter dem Wachstum des Welthandels? China! – Der Riesengorilla, der einem Staubsauger gleich die Arbeitsplätze des Westens aufsaugt? China! – Der Arbeitgeber, dem es nichts ausmacht, die menschlichen Arbeitsbedingungen für die gesamte Dritte Welt nach unten zu drücken? China!" Mit diesen Worten fasste die International Herald Tribune die unter Wirtschaftsbossen vorherrschende Wahrnehmung zusammen. Und tatsächlich ist China seit Jahren – annähernd gleichauf mit den USA – der Welt größtes Empfängerland ausländischer Direktinvestitionen.

China löst Euphorie, aber auch Bedrohungsängste aus. Und das nicht erst seit heute, sondern bereits zu napoleonischen Zeiten. Derzeit geben die Schönredner den Ton an. Der Gigant China sei aufgestanden, ist zu lesen, um seinen Schatten auf die angestammten Sonnenreviere Amerikas und Westeuropas zu werfen und Japan aus seiner Rolle als Nummer eins der asiatischen Wirtschaftswelt zu verdrängen. Dennoch, bisweilen und etwas verschämt klingt die Frage an, ob sich denn der vermeintliche Riese bei seinem "Marsch ins Zentrum" nicht auf tönernen Füßen fortbewege. Die chinesische Bankwirtschaft beispielsweise ist in toto insolvent. Das heißt, sie wäre insolvent, wenn dort im Ordnungsrahmen westlicher Marktwirtschaften agiert würde. Stattdessen heißt es, die Banken des Landes seien "rein technisch" zahlungsunfähig.

Offiziell weist China seit langem eine extrem hohe Entwicklungsdynamik auf. Die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist seit 1980 auf das Fünffache angewachsen. Trotzdem besteht Anlass zur Nachdenklichkeit. Selbst die Berufsoptimisten der Weltbank raten zur Vorsicht. Das reale Wachstum liege wahrscheinlich zwei Prozentpunkte unterhalb der amtlichen Statistiken, eine Folge der kuriosen Rechenkünste auf dem Abakus der "sozialistischen Marktwirtschaft". Überdies speist sich die wirtschaftliche Dynamik seit sechs Jahren unter anderem aus einer höheren Staatsverschuldung. Keynes hat in China auch heute noch wesentlich mehr Anhänger als Milton Friedman.

Die von den chinesischen Märkten getragene Eigendynamik liegt zurzeit bestenfalls bei vier bis fünf Prozent. Für eine nach Weltgeltung strebende Entwicklungsmacht keine überragende Bilanz. Außerdem bemühen sich die chinesischen Unternehmen mit blindem Eifer, die Prinzipien "schöpferischer Zerstörung" zu demonstrieren. Seit Jahren werden industrielle Überkapazitäten aufgebaut. Nur so ließen sich die gegenwärtig extrem niedrigen Weltmarktpreise für die steigenden Fluten chinesischer Erzeugnisse wirklich erklären, behaupten chinesische wie ausländische Fachleute. Überlebensregel: Einer muss vom Schlitten.

Im Sog verheerender wirtschaftlicher Turbulenzen hatte der amerikanische Ökonom Paul Krugman 1998 verschiedene prominente Rivalen attackiert: "Jeder, der behauptet, er würde das Desaster, das über Asien hereingebrochen ist, wirklich verstehen, beweist gerade durch diese Gewissheit, dass er nicht weiß, wovon er spricht." Schon vier Jahre zuvor hatte Krugman bei den Asiengläubigen seiner Ansicht nach gravierende Wissenslücken entdeckt – Stichwort: der Mythos des asiatischen Wunders.

War das Jahr 2003 eine weltwirtschaftliche Wasserscheide, ohne dass Europa davon Kenntnis nehmen wollte? Erstmals seit Jahrzehnten wurde der deutsche Maschinenbau international auf Platz zwei verwiesen, hinter China. Seit 2002 ist die Volksrepublik der wichtigste asiatische Wirtschaftspartner der EU. Die chinesische Außenwirtschaft ist an Japan vorbeigezogen, das sein strategisches wirtschaftliches Gewicht schleichend verliert, nicht absolut, aber relativ. China rangiert unter den Handelsnationen als Nummer drei gegenwärtig hinter den Vereinigten Staaten und Deutschland, aber bereits vor Japan, Frankreich, Italien und Großbritannien. Nur noch chronische Pessimisten bezweifeln, dass die chinesische Volkswirtschaft innerhalb der kommenden zehn Jahre neben den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zum dritten Global Player aufsteigen wird.