Hartz wirkt. "Wir werden mit Anfragen überhäuft", sagt Rainer Bungert. "Die Leute kommen zu uns und sagen: ›Lieber arbeite ich jetzt irgendwas, als dass ich mir mein Sparbuch wegnehmen lasse‹." Bungert, 53 Jahre, leitet die Leipziger Niederlassung der Zeitarbeitsfirma Manpower. Seit HartzIV die Medien beherrscht, ist das Interesse an Jobs schlagartig gestiegen – auf einmal meldeten sich rund 50 Prozent mehr Jobsucher. Auf einmal ließen sich auch Stellen für mehrere Großaufträge innerhalb eines Tages besetzen. "Das hatten wir noch nie", sagt der gebürtige Dresdner.

Selbst für unangenehme Arbeiten melden sich jetzt Dutzende Interessenten: für eine Bäckerei, die Fahrer und Hilfskräfte zum Reinigen von Maschinen sucht. Oder für eine Tiefkühlfirma, bei der nasses Gemüse sortiert werden muss. 5,93 Euro pro Stunde gibt es für solche Helferjobs. Das ist die niedrigste Stufe im Tarifvertrag für Zeitarbeit. Dazu kommen Schichtzulagen von bis zu 50 Prozent und nach längerer Beschäftigung ein Lohnaufschlag von maximal 7,5 Prozent. "Früher", erzählt Bungert, "konnten wir solche Stellen nie voll bestücken."

Solche Meldungen freuen die Hartz-Optimisten, doch sie sind nur ein Teil der Wahrheit. Selbst Rainer Bungert, der ständig offene Stellen in seiner Kartei hat, sagt: "Wir werden nie alle beschäftigen können, die zu uns kommen." Und vielerorts suchen die Arbeitslosen bislang genauso erfolglos nach einer Beschäftigung wie vor der Aufregung um Hartz IV.

Die Prognosen für das gesamte Land sind so verschieden wie die Weltsicht der Ökonomen, die sie treffen. Hartz wird wirken – die Frage ist nur, wie.

Hotlines sollen Fragen beantworten, auf die es noch keine Antwort gibt

In geradezu wahnwitzigem Tempo versucht die rot-grüne Bundesregierung, die letzte Stufe ihrer Arbeitsmarktreform in die Tat umzusetzen. Für Hartz IV werden schon die Fragebögen verschickt – obwohl die EDV zu ihrer Erfassung noch nicht vollständig getestet ist. Eine amtliche Telefon-Hotline soll beim Ausfüllen helfen – obwohl zu vielen Fragen noch klärende Verordnungen fehlen. Und für die Einrichtung der neuen Jobcenter gab der Bundeswirtschaftsminister erst jetzt 400 Millionen Euro frei – obwohl Arbeitslose schon in vier Monaten intensiver "gefördert und gefordert" werden sollen.

Der Grund für die Eile: Die Reform soll möglichst weit vor der Bundestagswahl 2006 vollständig wirken. Bis dahin, so hofft die Bundesregierung, könnten die mit Hartz IV verbundenen Einschnitte vergessen sein. Und im Idealfall beginnt das Reformprogramm dann zu greifen – das Konzept des "Förderns und Forderns" geht auf, die Konjunktur zieht an, der Arbeitsmarkt kommt in Schwung, und Kanzler Gerhard Schröder braucht nur noch die Früchte seiner heutigen Standhaftigkeit zu ernten.

Doch bisher spricht wenig für dieses rosarote Wiederwahl-Szenario. Ökonomen schauen von zwei grundsätzlich verschiedenen Standpunkten auf die Hartz-Reform, und beide Philosophien bieten wenig Trost für die Bundesregierung.