Jürgen Flimm wird 2007 die Salzburger Festspiele übernehmen. Warum? Um das Phänomen Flimm zu verstehen, muss man sich eine Skizze anfertigen. Man muss auf ein großes Blatt Papier ganz viele Kreise malen, in sie hinein all die Namen, Ämter und Orte schreiben, die im Wirken des Theatermachers von Bedeutung sind, und zwischen den Kreisen Verbindungslinien ziehen. Die Skizze sieht dann aus wie ein Häkeldeckchen. Und verblüfft stellt man fest: Bei Jürgen Flimm geht auf wundersame Weise alles mit allem zusammen. Was er auch tut – nichts widerspricht sich, nichts schließt sich aus. Er ist der Geist, der stets vereint. Er ist ein wahres Gesamtkunstwerk an Umtriebigkeit. Er ist im Kulturbetrieb das letzte Frollein vom Amt, das sich selbst und der Welt die scheinbar unmöglichsten Verbindungen zu stöpseln versteht.

15 Jahre lang war er ein erfolgreicher Schauspielintendant am Hamburger Thalia Theater, aber nebenher hat er unermüdlich zwischen Wien, Zürich und Amsterdam Opern inszeniert. An den konservativsten Bühnen der Welt, an der New Yorker Met und an der Mailänder Scala, hat er Regie geführt, und gleichzeitig gibt er in Nordrhein-Westfalen als neuer Leiter der Ruhrtriennale die Galionsfigur für experimentelles Musiktheater. Flimm hat in Salzburg das Schauspielprogamm verantwortet und parallel dazu bei den Konkurrenzfestspielen in Bayreuth den Ring geprobt. Er kann mit Cecilia (Bartoli) genauso gut wie einst mit dem schwierigen Gigi (Nono), und die Männerfreundschaft zu Otto, dem amtierenden Fußball-Europameister (Rehhagel), gehört lange schon zur Flimm-Folklore. Als Politikberater und frog ("friend of Gerd") legt er Wert darauf, bei Kanzler Schröders Erfindung des Kulturstaatsministeramtes entscheidend mitgewirkt zu haben, und als Präsident des Deutschen Bühnenvereins entdeckte er vorübergehend den August Everding in sich. Niemand würde sich wundern, wenn Flimm irgendwann auch noch Kunstberater des Dalai Lama würde oder Dopingbeauftragter des Internationalen Olympischen Komitees. Aber zunächst wird er die Salzburger Festspiele übernehmen. Das Festivalkuratorium hat ihn am Montag einstimmig zum Nachfolger von Peter Ruzicka gewählt, der nach fünf Jahren den Direktorenstuhl 2006 wieder räumt.

Flimm ist wie zufällig immer zur Stelle, wenn es Großes zu bewegen gilt. Das klingt böser, als es gemeint ist, denn der zukünftige Salzburger Festspielchef erscheint gar nicht wie einer, der sich ehrgeizig nach Posten drängt und der Macht hinterherjagt wie Alberich dem Nibelungengold. Er wirkt eher – um es in Otto Rehhagels Kickersprache zu beschreiben – wie der hoch geschätzte Altstar auf dem Fußballfeld des Kulturbetriebs, der sich im zentralen Mittelfeld nur dezent anzubieten braucht und dann die Bälle automatisch von allen Seiten zugeschoben kommt, weil er auch noch im Herbst der Karriere souverän den Ball zu führen versteht. Am Ende wird er trotz fehlender Spritzigkeit dafür gelobt, dass er die Übersicht im Spiel behalten hat.

Man muss sich die Salzburger Entscheidungsfindung ungefähr so vorstellen: Die luxusverwöhnte alte Dame Salzburg (Karajan-Witwe wird sie immer bleiben) hat inzwischen ihre Erfahrungen gemacht mit neuen, nassforschen Geschäftsführern an der Spitze ihres Traditionsunternehmens. Sie genießt es in vollen Zügen, dass der anstrengende Kunst-Quälgeist Gerard Mortier endlich weg ist. Aber wirklich zufrieden ist sie mit der biederen Geschäftspolitik des Nachfolgers Ruzicka auch nicht. Die Zahlen sind zwar glänzend, aber die Programme sind alles andere als exklusiv. Sie lesen sich, als habe sie ein x-beliebiger Besetzungsautomat ausgespuckt. Außerdem hat der spröde amtierende Direktor wenig Sinn für die rauschenden Society-Events, die ihr so wichtig sind. Deshalb hat sich die alte Dame nun in den Charme des gesetzten Alters verguckt.

Längst ist er über die Phase der Kritisierbarkeit hinausgewachsen

Ihr neuer Favorit ist kein programmatischer Feuerkopf, sondern ein Sicherheitskandidat mit langjähriger Erfahrung in der Branche. Er ist aufgeräumt, witzig und mit allen Wassern des österreichischen Schlawinertums vertraut. Sogar den Ärmelaufkrempler nimmt man ihm mit 63 Jahren irgendwie noch ab. Als Kompromissfigur zwischen den schwarzen Politikern aus Wien und den roten aus Salzburg blieb er am Ende übrig. Und so liegen sich Jürgen Flimm und das Salzburger Festspiel-Establishment zufrieden in den Armen. Die Wiener Philharmoniker dürfen sich in Zukunft ihre symphonischen Programme selbst schreiben. Der Soloklarinettist des Orchesters, Peter Schmidl, wird zum Konzertbeauftragten der Festspiele berufen. Ein prominent besetzter Kunstbeirat soll über das geistige Niveau der Festspiele wachen. Schwerpunktthemen, Cross-over, Operette und "exquisite" Jazzkonzerte werden angedroht.

Im Nachhinein ahnt man, dass Flimm mit seiner diesjährigen Inszenierung von Henry Purcells und John Drydens King Arthur die Bewerbungsunterlagen für die Übernahme der Festspiele abgeben wollte, so aufgekratzt hat er in der Felsenreitschule das barocke Drama als opulente Versöhnungskirmes zwischen Oper, Schauspiel und Tanz arrangiert. Er ließ die Schauspieler Purzelbäume schlagen und drehte den Chor im Dreivierteltakt. Man sah Geister auf Surfbrettern durch die Luft segeln, man sah Bierdosen leer saufende Germanenhorden, und in der berühmten Frierszene, in der die Welt durch bösen Zauber zu Eis erstarrt, watschelten lustige Pinguine über die Bühne. Übernehmen die Salzburger Festspiele tatsächlich den Geist von Flimms King Arthur, dann werden sie spektakelnd, bunt und notorisch gut gelaunt sein.

Wenn Flimm Oper inszeniert, ist er mit der Kunst meist schnell per Du. Er dreht die Werke nicht fragend wie ein großes, unergründliches Rätsel in der Hand, sondern "macht" sie einfach mit der geübten Hand eines findigen Handwerkers. Oft ist der Gegenwartsbezug dann nur noch eine Frage der passenden Ausstattung, und wenn es an stimmungsvoller Atmosphäre hapert, dimmt er einfach das Licht und lässt ein paar echte Fackeln in den Bühnenboden stecken wie vor drei Jahren in seinem fassadenhaften Verdi -Otello an der Berliner Staatsoper unter den Linden. Flimm übt sich in gepflegtem Pragmatismus.