Das Staraufgebot im Pariser Théâtre de l’Oeuvre diente einem guten Zweck. Fünf Stunden lang sang und las die Crème der Pariser Intelligenz unter dem Motto "Für die Verteidigung eines Menschen und der Republik". "Wir brauchen eine Amnestie", rief der Philosoph Bernard-Henri Lévy. "Frankreich muss seine Versprechen halten", forderte der sozialistische Parteisprecher Julien Dray. Und zu den Gitarrenklängen von Georges Moustaki stimmten Miou-Miou, Sapho, Mitterrands Witwe Danielle und alle Gäste in den Schlusschor Bella Ciao ein.

Das Pariser Solidaritätsfest am 26. Juni galt nicht den vier nahezu vergessenen Terroristen der französischen Action Directe, die seit 17 Jahren in französischen Spezialgefängnissen sitzen, sondern dem Italiener Cesare Battisti. Der Linksterrorist war 1981 nach seiner Verhaftung wegen vierfachen Mordes geflohen und hatte 1990 in Frankreich ein neues Leben als Hausmeister und Krimiautor begonnen. Neben Battisti gingen fast zweihundert flüchtige italienische Terroristen nach Frankreich, wo ihnen Präsident Mitterrand Asyl versprochen hatte, falls sie der Gewalt entsagten. Seitdem jedoch Präsident Chirac das Auslieferungsgesuch der Italiener befürwortete und bald in Paris die letzte Berufung für Battisti ausläuft, stehen Frankreichs Intellektuelle Kopf. Während Battisti, der 1993 in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, untergetaucht ist, haben 25000 Franzosen – darunter Chabrol, Tavernier, Lanzmann, Cohn-Bendit – für ihn eine Petition unterzeichnet.

Die Unterstützer argumentieren juristisch: Dem Flüchtigen sei kein fairer Prozess gemacht worden. Mitterrands Asylangebot habe auch die damalige Regierung von Bettino Craxi als Ausweg aus der Gewaltspirale hingenommen. Pierre Mauroy, Premier unter Mitterrand, erinnert sich: "Die Philosophie damals war, die Leute zum Ausstieg zu bringen. Die Italiener hatten es mit der Verfolgung nicht besonders eilig – und wir mit der Auslieferung auch nicht." Der sozialistische Parteivorsitzende François Hollande sagt: "Wir äußern keine Unschuldsvermutung. Es geht um das Versprechen von Mitterrand."

Tatsächlich ist Mitterrands Erbe in Gefahr. Denn wenn dessen Rehabilitierungsangebot für Linksextremisten ins Zwielicht gerät, wird die Ambivalenz früherer französischer Asylpolitik deutlich. Zu den prominenten Exilanten gehörten damals nicht nur ein Antonio Negri, sondern auch Ajatollah Chomeini, der zentralafrikanische Putschist Bokassa und der haitianische Schlächter "Baby Doc" Duvalier. Zugleich gab sich das Land in der Terrorabwehr neutral und gewährte Attentätern Unterschlupf, solange sie nicht auf französischem Boden zuschlugen. Doch das Junktim von Asyl- und Sicherheits-Doktrin scheiterte, als immer mehr arabische Gruppen nach Frankreich drängten und dort ihre Kämpfe austrugen.

Vom Terrorismus im eigenen Land blieb Frankreich bis auf einige Anschläge der Action Directe verschont. In dem Gefühl, auf der Sonnenseite der Geschichte zu leben, entwickelten die französischen Intellektuellen ein Faible für die Propaganda der Tat. Jean-Paul Sartre besuchte 1974 Andreas Baader in Stammheim. Und in Italien, wo Terroristen und Staat gleichermaßen Mitschuld an den bürgerkriegsartigen Metzeleien hatten, mischten sich die Franzosen besonders häufig ein. Doch die Verbindungen von einst sind zerrissen. "Kein einziger Italiener, ob links oder rechts, will Straffreiheit für Battisti", sagt der Turiner Politikwissenschaftler Gian Enrico Rusconi. "Die Franzosen sind Revolutionsromantiker."

Wenn viele Italiener den Franzosen heute Arroganz vorwerfen, spricht daraus auch Neid. Denn das Ansehen von Frankreichs Denkern wurde nie durch einen demagogischen Antiintellektualismus beschädigt, wie ihn Deutschland und Italien kennen. So kann sich Lévys Amnestie-Forderung direkt auf Victor Hugos Aufrufe zu befriedenden Gnadenakten berufen, wie sie bis heute jeder französische Staatspräsident am Nationalfeiertag vollzieht. Doch bei ihrem Versuch, aus Battisti einen transalpinen Dreyfus zu machen, riskieren die Franzosen, dass man auch bei ihnen genauer nachschaut. Die schwer kranken Häftlinge der Action Directe, empfahl kürzlich ein italienischer Publizist, sollten in Italien Asyl beantragen, damit sie eine ordentliche medizinische Versorgung bekämen.