Warum ist Radovan Karadžić noch immer nicht gefangen? Diese Frage beschäftigt seit Jahren all jene, die als Diplomaten oder als Berater, als Wissenschaftler oder als Soldaten mit Bosnien zu tun hatten. Es gibt zwei Möglichkeiten: Weil man nicht kann – oder weil man nicht will.

Weil man nicht kann:
Karadžić wird nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste von einer hoch professionellen und gut bezahlten Elite-Truppe bewacht. Die USA dagegen haben auf dem Balkan seit 1994 peinlich versucht, jegliche Verluste zu vermeiden – ganz anders als im Irak. Spekulationen über die Leibgarde des "Präsidenten" sind besonders in der serbischen Presse verbreitet. Der Gesuchte wechselt häufig seinen Standort in der Nähe von Čelibići in Ostbosnien und überschreitet dabei immer wieder die Grenze zu seinem Heimatland Montenegro. Das Gebiet ist in der Tat unwegsam; schon im Zweiten Weltkrieg versuchten die Deutschen vergeblich, hier das Hauptquartier des Partisanenführers Tito auszumachen. Unter der serbischen Bevölkerung der Gegend ist die Loyalität zu den Radikalen um Karadžić besonders hoch. Seit die Amerikaner überall auf der Welt nach Osama bin Laden suchen und Saddam Hussein erst nach einem Verrat in einem Erdloch aufgespürt haben, hat die Hypothese wieder Auftrieb bekommen.

Variante 1: Karadžić wird in einem serbisch-orthodoxen Kloster der Gegend versteckt gehalten. Durchaus plausibel: Zu seinen aktiven Zeiten gab sich der "Serbenführer" immer betont kirchennah.

Variante 2: Er ist längst über alle Berge – in Russland, Aserbajdschan oder sonst wo. Auch diese Möglichkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Als Herr aller Im- und Exportgeschäfte seiner Republik verfügte der "Präsident" über viel Geld und weitläufige "Business"-Kontakte in die frühere Sowjetunion.

Weil man nicht will:
Karadžić weiß zu viel, so wird spekuliert. Er könnte insbesondere Auskunft über geheime Abmachungen mit dem früheren US-Sondergesandten Richard Holbrooke geben. Damit er das nicht tut, lassen die Amerikaner ihn immer wieder entkommen. Verschwörungstheorien werden auf dem Balkan gern geglaubt. Diese aber hat für sich, dass das Ende des bosnischen Krieges noch immer von etlichen Rätseln umgeben ist. Alle Vormärsche von Serben, Muslimen und Kroaten im Jahre 1995 führten auf wundersame Weise dazu, dass ein bestehender Aufteilungsplan, über den sich die Parteien offiziell gar nicht geeinigt hatten, der Verwirklichung näher kam. Die jeweils andere Seite leistete nur symbolisch Widerstand. Auf diese Weise eroberten die Kroaten die Krajina und einen Teil Westbosniens, die Muslime Teile West- und Zentralbosniens und die Serben die ostbosnische Enklave Srebrenica. Dabei ermordeten sie Tausende gefangene Muslime. War Srebrenica ein "Betriebsunfall" bei einem unheimlichen Plan?