Als Allianz-Chef Michael Diekmann vor wenigen Tagen das Halbjahresergebnis seines Konzerns vorstellte, fand er für die Lebensversicherungssparte keine freundlichen Worte. "Das nicht zufrieden stellende Wachstum stellt uns vor große Herausforderungen", sagte er. Um fast sechs Prozent ist das Neugeschäft der Stuttgarter in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geschrumpft. Das ist ein empfindlicher Dämpfer für den Marktführer, der in der Vergangenheit fast regelmäßig mit zweistelligen Wachstumsraten geglänzt hatte.

Nicht nur für die Allianz ist das Geschäft mit Lebensversicherungen in Deutschland schwieriger geworden. Spätestens seit der spektakulären Schieflage der Mannheimer Lebensversicherung steckt die gesamte Branche in einer Vertrauenskrise. Horrormeldungen, nach denen allein deutsche Lebensversicherer im Aktiencrash der Jahre 2000/2001 unvorstellbare 100 Milliarden Euro in den Sand gesetzt haben, haben bei vielen Versicherten und auch potenziellen Kunden nachhaltige Ängste dahingehend geschürt, ob ihre Policen wirklich krisenfest sind. Solche Sorgen sind durchaus verständlich. Die Finanzkraft vieler deutscher Anbieter lässt auch nach der Erholung an den Aktienmärkten zu wünschen übrig – im Gegensatz zu der ihrer europäischen Konkurrenten.

"Die Kunden haben es jahrelang zu gut gehabt"

Noch im Frühjahr bescheinigte eine Studie des englischen Beratungsunternehmens Mercer Oliver Wyman den europäischen Lebensversicherern insgesamt eine desolate Verfassung. Die Londoner Rating-Agentur Fitch jedoch hat inzwischen Entwarnung für die Branche gegeben – mit einer Ausnahme. Für die deutschen Unternehmen sei die Lage nach wie vor problematisch, eine zu geringe Eigenkapitalausstattung sei eines der größten Probleme. Daran sei jedoch nicht allein der Aktiencrash schuld. "Die deutschen Lebensversicherer haben ihren Kunden in der Vergangenheit höhere Gewinne zugewiesen, als sie selbst an den Märkten verdienen konnten", kritisiert Fitch-Analyst Chris Waterman die Geschäftspolitik der Deutschen.

Das sieht Wolf Becke, Vorstandsmitglied der Hannover Rückversicherungs-AG, ähnlich: "Der Aktiencrash hat die Krise der Lebensversicherer nicht ausgelöst, sondern systematische Fehlentwicklungen lediglich aufgedeckt." So seien die Tarife zu niedrig kalkuliert angesichts der hohen Garantiezinsen. "Die Kunden haben es jahrelang zu gut gehabt", kritisiert Becke. Die Versicherer hätten nie deutlich gemacht, dass Garantien Geld kosten. Zudem seien die Kosten für den Vertrieb in Deutschland extrem hoch. Etwa 3,5 Prozent von der vereinbarten Versicherungssumme werden bei Vertragsabschluss für den Vertreter abgezweigt. Eine Kapitallebensversicherung mit einer Summe von 100000 Euro bringt dem Verkäufer danach 3500 Euro. Becke: "Diese hohen Kosten sind vor allem deshalb unverständlich, weil sich Lebensversicherungen hierzulande mit ihrem Steuervorteil fast von selbst verkauft haben."

Vergleichbare Vorteile hatten die Versicherungsunternehmen in anderen europäischen Ländern nicht. Dennoch stehen sie heute besser da als ihre deutschen Konkurrenten. Im stark konzentrierten französischen Markt sind Lebensversicherer meist Töchter von Bankengruppen. Sie verkaufen ihre Policen kostengünstig über den Bankschalter. Die Produkte sind unkompliziert und in der Regel schlichte Sparverträge ohne Todesfallschutz. Hohe Garantiezinsen, wie in Deutschland bislang üblich, gibt es in Frankreich schon seit Jahren nicht mehr.

"Die meisten Franzosen gehen zur Bank, wenn sie eine Lebensversicherung abschließen wollen", erzählt Petra Jansen, Länderreferentin für Frankreich in der Münchner Hauptverwaltung der Allianz. In Deutschland hingegen wird immer noch mehr als die Hälfte aller Lebensversicherungen über den Einfirmenvertreter verkauft. Diese Vertriebsleute haben in der Regel nur die Produkte eines Anbieters im Koffer. Auch in Spanien werden rund 70 Prozent aller Policen über den Bankschalter verkauft, entsprechend niedrig sind auch dort die Vertriebskosten. Der entscheidende Grund aber, warum die Spanier finanziell gut dastehen, ist ein anderer: Sie haben kaum Geld in Aktien investiert. Die Aktienquote der dortigen Gesellschaften beträgt gerade mal zwei Prozent. Deutsche Lebensversicherer investieren derzeit im Schnitt gut zehn Prozent ihrer Kundengelder an den Aktienbörsen. "Die spanischen Lebensversicherer haben die Aktienkrise im europäischen Vergleich am besten überlebt", resümiert denn auch Elke Sonnberger, Spanien-Referentin im Allianz-Konzern.

Italienische Lebensversicherungspolicen ähneln den deutschen Kapitallebensversicherungen im europäischen Vergleich am ehesten, auch wenn der Löwenanteil der Policen zwischen Palermo und Mailand ebenfalls über Banken abgewickelt wird. Diese in anderen europäischen Ländern so erfolgreiche Vertriebsstruktur bereitet den italienischen Lebensversicherern zurzeit allerdings aus einem besonderen Grund Kopfzerbrechen. Die Pleiten der bekannten italienischen Firmen Cirio und Parmalat haben das Vertrauen der Verbraucher in die Banken spürbar erschüttert. Dieser Vertrauensverlust wirkt sich jetzt indirekt auch auf den Lebensversicherungsmarkt aus.