Manchmal kommt die Wirklichkeit der Berliner Politik sehr nahe, näher jedenfalls, als sich umgekehrt die Politik der Wirklichkeit aussetzt. Dass wir hierzulande keine oder zumindest zu wenige Kinder haben, darüber ist in den vergangenen Monaten viel zu hören gewesen. Was aber ist mit denen, die Kinder bekommen? Die Frage wurde dieser Tage quasi in Sichtweite der Politik, im Bundespresseamt am Reichstagsufer, beantwortet. Dort hat die Diakonie ihre Kampagne unter dem zweideutig-schönen Titel Für schwierige und andere Umstände vorgestellt, mit der sie für ihre Schwangerschaftsberatungen wirbt.

Auf einem Plakat, das demnächst zehntausendfach in deutschen Städten hängen wird, ist eine junge Frau mit bloßen Schultern zu sehen, vielleicht frierend, vielleicht in sich gekehrt, vielleicht Unterstützung heischend.

Die Kampagne sei nicht vom Himmel gefallen, sagte der Diakonie-Präsident Jürgen Gohde. Obwohl sie von der Evangelischen Kirche kommt. Immerhin habe man schon 2003 mit Wertebegriffen wie Zuflucht, Heimat und Hoffnung für Frauenhäuser, Flüchtlingshilfe und Seniorenarbeit geworben. Bei so viel Werten war die Schwangerschaft bei dem Evangelischen Wohlfahrtsverband jetzt einfach dran. Von dem Plakat ist dann auch nur ganz kurz die Rede, von der Wirklichkeit umso mehr.

Und die war aus der Provinz nach Berlin gereist. Ingrid Reutemann leitet in Baden die Evangelischen Schwangerenberatungsstellen. Angst sei das beherrschende Gefühl, mit dem die Frauen zunächst kämen, berichtet sie. Angst vor Verurteilung, Angst vor der Entscheidung, Angst vor der Zukunft. Dreimal Angst. Zwar sei die Beratung nicht bloß für arme oder arm gewordene Frauen da. Und doch hören die Beraterinnen in jedem Gespräch die Frage: Was wird, wenn ich arbeitslos werde? Oder mein Mann? Frauen, von denen sehr viele nur noch Zeitarbeitsverträge haben, stehen unter enormem Druck.

Schwangerschaftskonfliktberatung ist viel mehr als die Beantwortung der Frage, ob ich das Kind bekommen soll, ja oder nein? Zukunftsängste, Partnerschaftsprobleme, Überforderung und Hilflosigkeit - mit allen diesen Dingen haben die Beraterinnen zu tun. Viele von ihnen sind sind inzwischen ebenso geübt darin, Schuldnerinnen zu helfen und Geld für Notfälle aufzutreiben. Zur Wirklichkeit gehört auch, dass fast die Hälfte der Schwangeren Migrantinnen sind.

Manchmal taucht die brutale Wirklichkeit werdender Mütter auch gar nicht auf, jedenfalls, wenn man in den amtlichen Polizeistatistiken liest. Aber es gibt sie, diese Wirklichkeit. Keine der Frauen, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden, erzählt Ingrid Reutemann den Berliner Journalisten, habe es gewagt, deswegen zur Polizei zu gehen. Und die Beraterinnen müssen schweigen.

Dazu sind sie verpflichtet. Immer wieder bekommen sie von geschlagenen Frauen auch Sätze zu hören wie: Ich habe mich so auf dieses Kind gefreut, aber nun sehen Sie mich an!