Der König im Märchen ist immer traurig. Entweder ist ihm die Prinzessin gerade vom Drachen geraubt worden, oder der Liebhaber der Königin steht mit der giftigen Phiole schon hinter der Tapetentür. Es ist eine alte Weisheit: Macht macht melancholisch. Im besten Fall auch: poetisch. Freudig haben wir deshalb dieser Tage zur Kenntnis genommen, dass die britische Krone das Amt des Hofnarren nach jahrhundertelanger Vakanz endlich wieder besetzt hat.

Wie steht es aber mit der Poesie der Mächtigen in der Neuzeit? Wo sind die Oden, die Elegien, die Tragödien der Herren Kohl, Fischer oder Westerwelle? Auch unsere Zeit kennt ihre Königsdramen – ist nicht vor kurzem erst ein in Ränke geratener Herrscher vom Himmel in den Tod gestürzt? Doch die Prosa, die uns von dem traurigen Jürgen Möllemann geblieben ist, der Sonntag noch vor Sabine Christiansen und Donnerstag schon vorm Herrgott stand, ist weder poetisch noch verzweifelt, sondern so frischeverpackt, öde und kunstaromatisiert wie jedes zweite Buchindustrieprodukt unserer geschätzten Berliner Potentaten.

Die Poesie der Macht scheint im Westen ausgestorben. Wer es in dieser Weltgegend zu etwas bringen will, hält es nicht mit King Lear, sondern mit Bill Clinton, der sein Leben schon in jungen Jahren nach einem Buch ausgerichtet haben will: How to Get Control of Your Time and Your Life.

Wie anders klingt dagegen dies: "Endgültig verloren bin ich / für alle Wohltäter / ich glimme wie eine Zigarette / auf neurotischer Lippe". Oder: "Wahrlich, der Mandelbaum ist die Braut des Gärtners". Und dies: "Unermeßlich ist die Zahl der wundersamen Ereignisse und heldenhaft die Taten im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris". Und schließlich: "Verflucht sei die Familie Jakobs! Gesegnet seist du, o Karawane". Denn dies sind in gebotener Kürze Auszüge aus den literarischen Werken der Herren Karad≈iƒ, Chomeini, Saddam Hussein und – in diesen Tagen zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen: Ghaddafi (Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten; Verlag belleville).

Merkwürdig genug: Die Tyrannen dieser Welt bedichten ganz anders als ihre langweiligen demokratischen Amtskollegen ihre Triumphe und Höllenfahrten, auf dass der Wortklimbim erschalle über den Wüsten, den Kamelen und den Städten. Ganz so, als sei die neuzeitliche Arbeitsteilung zwischen Märchen, Drama und Politik hier noch in den Kinderschuhen, sagen wir, so auf dem Stand von 1796. Damals haben in Tübingen drei junge Stiftsstudenten mit Namen Hölderlin, Hegel und Schelling den Idealismus begründet und fanden, dass die Menschheit "über den Staat hinaus" müsse, hin zu einem neuen Leben, in dem die Politik poetisch und die Poesie politisch sei. Man weiß ja, wohin das geführt hat. Aber für die Literatur waren es aufregende Zeiten. Und Kamele sind geduldige Tiere. Iris Radisch