Was wussten die Offiziere der Heeresgruppe Mitte um Henning von Tresckow, die seit 1942 eine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler spielten, vom Massenmord an den sowjetischen Juden? Und welche Konsequenzen zogen sie aus ihrer Kenntnis? Über diese Frage ist seit dem provozierenden Buch des Historikers Christian Gerlach über den deutschen Vernichtungskrieg in Weißrussland (Kalkulierte Morde, 1999) heftig gestritten worden. Nun präsentiert Johannes Hürter in einem Aufsatz in der jüngsten Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte: Auf dem Wege zur Militäropposition (H.3, 2004 - S. 527-562) neue Dokumente, die Gerlachs Thesen unterstützen, aber auch widersprechen. Danach ist nicht zu bezweifeln, dass die Offiziere frühzeitig über die Mordaktionen der Einsatzgruppe B unter SS-Brigadeführer Arthur Nebe informiert waren, dagegen aber in der Anfangsphase des Unternehmens Barbarossa ebenso wenig einzuwenden hatten wie gegen die Ausführung des Befehls, alle Kommissare der Roten Armee bei Gefangennahme zu ermorden. Dieser Sachverhalt ist in den Erinnerungen der beiden wichtigsten Zeugen des militärischen Widerstands, Rudolf-Christoph Frhr. von Gersdorff und Fabian von Schlabrendorf, verschleiert worden.

Erst als die Einsatzgruppe B dazu überging, jüdische Frauen und Kinder zu erschießen, regten sich Bedenken. Eine wichtige Zäsur bildete, wie Hürter nachweist, das Massaker in Borissow vom 2./3. Oktober 1941, dem 7000 Juden jeglichen Alters und Geschlechts zum Opfer fielen. Tresckow und seine Freunde erfuhren davon durch Augenzeugenberichte, und sie waren entsetzt, weil nun nicht mehr zu verkennen war, dass die Mordaktionen auf eine systematische Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten zielten.

Hürter spricht von einem verzögerten Einsetzen der Moral, betont aber, anders als Gerlach, den damit verbundenen Lernprozess: Die Aussicht, dass der Krieg im Osten verloren gehen könnte und die Massenverbrechen dann als schwere Hypothek auf dem deutschen Schuldkonto lasten würden, habe den Entschluss zum Widerstand befördert und ihm eine ethische Fundierung gegeben. Die Größe, die eigene Einstellung zu ändern und daraus mutig die Konsequenzen zu ziehen, bleibt unbestritten und erhebt diese jungen Offiziere über die meisten ihrer älteren Vorgesetzten.