Viel blutroter Backstein, ein flottes, silbern gedecktes Türmchen, im Erdgeschoss hohe neugotische Fenster und vor dem Eingang fröhlich flatternde Danebrogs – Kopenhagen ist voll von Gebäuden dieser offenbar für die Ewigkeit gebauten Art. Am Nyhavn allerdings mit seinen kleinen, spitzgiebeligen Kaufmannshäusern wirkt das Sømandshjemmet Bethel wie ein unter die Zwerge gefallener Riese.

Auf der Nordseite von Nyhavn, einem Hafenbecken, das vor 300 Jahren angelegt wurde, liegen Kneipen und Restaurants wie Kletten dicht an dicht: Nyhavn ist die Vergnügungsmeile Nummer eins der dänischen Hauptstadt. Im Sommer schieben sich hier Touristen und Einheimische fast ins Wasser, als wäre Nyhavn der Laufsteg der Nation. Die Nordseite, das ist die Sonnenseite. Auf der anderen, der Schattenseite, steht das Sømandshjemmet Bethel. Wie ein großer Junge, der nicht mitspielen darf. Sømandshjemmet bedeutet Seemannsheim. Und ein Asyl für Seeleute, die Unterkunft und Beistand brauchten, ist das Bethel bis in die frühen Achtziger auch gewesen. Wer gar nicht mehr weiter wusste, für den gab es eine hauseigene Kirche im Hinterhof, 1952 eingeweiht vom dänischen König Frederik IX. Heute ist diese Kirche die einzige aktive Seemannskirche im ganzen Land. Aus einem Asyl für Bedürftige aber wurde nach und nach eine Herberge. Wer Luxus sucht, der ist hier falsch. Wer Geborgenheit und dänische Gemütlichkeit sucht, der ist goldrichtig. Es kann passieren, dass sich abends ein paar junge Leute in eine Ecke setzen und zur Gitarre von ihrer Sehnsucht nach Liebe und Frieden singen. So etwas stört hier keinen. Das Bethel hat etwas Beschützendes. Als wollte es all den Lärm, die Hektik – und vielleicht auch das sündige Vergnügen gleich gegenüber – von den Gästen fern halten.

Die Zimmer sind einfach und zweckmäßig eingerichtet, fast ein bisschen spartanisch. Aber der Blick! Wenn in der Nacht Nyhavn strahlt wie ein Ufo und das Leben brummt, dann am Fenster stehen und beobachten – das macht nur das Bethel möglich. Jedenfalls wenn man das Glück hat, eines der Eckzimmer zu bekommen. Hier die Ruhe, dort Babel. Und nur ein paar Meter, und man ist selbst mittendrin.

Auch beim Frühstück bleibt sich das Bethel treu: Brötchen, Brot, Käse, Wurst, Marmelade, ein bisschen frisches Obst und Kaffee, so viel man will. Einfach und gut. Und vielleicht sitzt am Nebentisch ein richtiger Seemann und erzählt den Landeiern Geschichten vom wirklichen Leben draußen auf dem Meer, wo die Fische fliegen und Wale Menschen fressen.

Sømandshjemmet Bethel, Nyhavn 22, DK-1051 Kopenhagen, Tel. 0045-33130370, Fax 33158570, Doppelzimmer ab 80 Euro