Mechthild Werner Handtücher

Ich war schon erwachsen, der Urlaub ein Revival: mit Eltern und Bruder in den Vogesen, wo wir als Kinder jeden Sommer verbracht hatten. Diesmal aber nächtigten wir luxuriös. Das Grand Hotel hatte wunderbare Handtücher, ganz flauschig und weiß und dick. Meine Mutter, selbst Pfarrersfrau, schimpfte präventiv: Vergreift euch bloß nicht an fremdem Gut. Denkt an das Siebte Gebot. So weit die Worte. Die Heimfahrt zeigte die Taten. Ich hatte mir ein Hotelbadetuch unter den Pulli geschoben. Meine Mutter hatte eins in der Handtasche versteckt. Mein Bruder wählte den Rucksack. Eine kleptomanische Pfarrersfamilie, vereint auf dem Autositz. Die Flauschetücher benutze ich noch immer. Manchmal ist mir das peinlich. Etwa wenn Fremde mein Bad benutzen und sehen, aha, Frau Pfarrerin stiehlt Hotelhandtücher. Damals aber dachte ich: So ein teures Hotel - das verkraftet ein bisschen Handtuchklau.

Mechthild Werner, 42, Pfarrerin, spricht am 4. September Das Wort zum Sonntag (ARD). Sie ist eine von acht Theologen im Team

Ulrich Wickert Ming-Ziegel

Mein liebstes geklautes Souvenir - das ist ein alter chinesischer Dachziegel.

Einst bedeckte er die Ming-Gräber nahe bei Peking, nun schmückt er mein Regal. Und das kam so: Ich habe neben den Gräbern gepicknickt - und dann lag er da. Er war vom Dach gefallen, direkt vor meine Picknickdecke. Wäre er oben auf dem Grab gewesen und nicht dort im Staub und Gras, ich hätte ihn nicht eingesteckt. Immerhin ist es ein sehr alter Ziegel, die Ming-Zeit ging 1644 zu Ende. So aber habe ich ihn in Wäsche gewickelt und eingepackt. 1979 war es noch nicht üblich, nach China zu reisen, ich dachte: Wer weiß, ob du je wieder hier Urlaub machst? Der Ziegel ist gelb lasiert und mit einem Drachen verziert - zwei Handbreit Altchina in meiner Wohnzimmerecke.

Ulrich Wickert, 61, ist Moderator der Tagesthemen. Er gab Das Buch der Tugenden heraus und schrieb den Kriminalroman Der Richter aus Paris