Es ist bekannt, dass auch Hunde unter Gemütsschwankungen leiden. Dieser hier ist offensichtlich depressiv gestimmt oder einfach nur müde. Es ist ja auch erst drei Uhr morgens. Er trottet durch den Warteraum, schnüffelt teilnahmslos an Taschen, Koffern und Müllkübeln. Schließlich steigt er in einen Bus, aus dem er nach einigen Minuten wieder heraustrabt, ohne dass sich seine Stimmung sichtlich gebessert hätte.

Dabei hat dieser Spürhund eine wichtige Aufgabe. Sein Geruchssinn kann über das Schicksal Hunderttausender Menschen entscheiden. Findet er versteckten Sprengstoff nicht, können morgen schon die beiden Atommächte Indien und Pakistan am Rande eines Krieges stehen. "Delhi–Lahore. Eine Brücke zwischen Nationen". Das steht mit großen Lettern auf dem Bus. Wie die jüngere Geschichte zeigt, ist es eine sehr gefährdete, zerbrechliche und immer schwankende Brücke.

1998 unternahm der indische Premierminister Atal Behari Vajpayee eine Reise mit dem Bus nach Lahore, um sich dort mit seinem pakistanischen Amtskollegen zu treffen. Das pakistanische Staatsfernsehen übertrug zwölf Stunden lang live, so bedeutend war das Ereignis. Es sollte ein erster Schritt zur Entspannung zwischen beiden verfeindeten Staaten sein, immerhin hatten sie seit 1947 drei Kriege gegeneinander geführt. 1999 brach die so genannte Kargil-Krise aus. Hoch oben in den Himalaya-Bergen bekämpften sich pakistanische und indische Truppen. Es gab Dutzende Tote. Der Bus fuhr nicht mehr nach Lahore. Erst 2001 nahm man die Verbindung wieder auf. Im Dezember 2002 dann attackierten Terroristen das indische Parlament. Wieder riss die Verbindung. Hunderttausende Soldaten marschierten an der Grenze auf. Erst seit Januar 2004 fährt der Bus Delhi-Lahore wieder.

Bis zur nächsten Krise jedenfalls. "Pakistan und Indien", sagt ein Polizist in Zivil, "sind Freunde und Feinde gleichzeitig. Einmal so, einmal anders!" Er lacht und fordert die Passagiere auf, einzusteigen.

Es ist Punkt vier Uhr morgens. Um sechs Uhr abends wird der Bus in Lahore ankommen. Die Reise führt entlang einer Strecke, die voller Schrecken steckt. Hunderttausende Menschen kamen ums Leben, als 1947 der indische Subkontinent geteilt wurde. Hindus erschlugen Muslime, Muslime Hindus. Millionen Flüchtlinge machten sich in beide Richtungen auf, um sich in Sicherheit zu bringen. Züge, gefüllt mit Leichen, fuhren über die Hauptverbindungslinie durch die Städte Amritsar und Lahore. Tausende Schaulustige kamen an die Bahnlinie, um die Todesfracht zu sehen. Augenzeugen berichteten, es habe völlige Stille geherrscht. Keiner sprach, keiner schrie, keiner fluchte. Nur das Rattern der Eisenbahnräder war zu hören.

Auch heute noch scheinen die Passanten ihren Augen nicht zu trauen. Sie bleiben stehen, um den Bus zu betrachten, der in hohem Tempo an ihnen vorbeifährt. Ungläubig wirken sie angesichts dieses unerhörten Anblicks. Immerhin ist an beiden Seiten des Busses die indische und pakistanische Flagge nebeneinander aufgemalt. Vereint, so als seien die Länder nie getrennt gewesen. Vorneweg braust ein Polizeiwagen mit Sirenengeheul, während im Inneren der Polizist in Zivil noch einmal über das Prozedere aufklärt: zwei bewaffnete Polizisten im Bus, zwei Polizeiwagen während der ganzen Reise, drei Pausen, Frühstück, Mittag, nachmittags Tee – immer unter den wachsamen Augen der Sicherheitsbeamten. Der Polizist ist freundlich und ganz offensichtlich darum bemüht, den Passagieren ein gutes Gefühl zu vermitteln. Der pakistanische und der indische Staat wachen gemeinsam über euer Leib und Leben!

Javid Saleem scheint nicht im Geringsten besorgt. Das mag daran liegen, dass ihn die vorherige Bahnreise von Chennai nach Delhi apathisch gemacht hat. Der Zug hatte 14 Stunden Verspätung, da will er nicht noch an allen möglichen Ärger denken, der ihm widerfahren könnte, selbst wenn es eine Bombe sein mag. Vielleicht ist aber Javid Saleem ruhig, weil er noch vor der Abfahrt im Warteraum der Busstation zu Gott gebetet hat. Er ist ein tiefgläubiger indischer Muslim. Wenn es nach den Gründern des Staates Pakistans ginge, sollte er eigentlich in Pakistan leben. Dazu ist Pakistan da. Nur dort, so lautete die Theorie, könnten die Muslime des Subkontinents geschützt vor der Diskriminierung durch die Hindu-Mehrheit leben. "Meine drei Brüder leben in Karatschi", erzählt Javid Saleem. "Sie sagen mir immer: Komm doch zu uns! Zieh doch um! Aber ich will nicht. Das Leben in Indien ist gut, besonders in Chennai sind die Menschen sehr freundlich!"

Indien oder Pakistan, wo ist es besser? Wer hat nach 57 Jahren Teilung mehr erreicht? War das alles überhaupt sinnvoll gewesen? Das sind Fragen, die so eine Reise begleiten. Es geht dabei nicht um große Politik, nicht um das eine oder andere Treffen zwischen hochrangigen Politikern beider Seiten. Es geht um die kleinen, die sichtbaren Dinge. Die Passagiere registrieren jedes Detail, die Schlaglöcher auf den Straßen, den Zustand der Häuser, die Automarken, die Zahl der Menschen, ihre Kleidung, ihre Gesichter, ihre Körperhaltung. In alles wird etwas hineingelesen.