Vielleicht wird es ja doch noch was mit dem deutschen Krimigeschmack. In letzter Zeit mehren sich erfreulich die Stimmen, Reginald Hill, einen der in England ganz unbestrittenen Meister und Lieblinge des lesenden Publikums, auch hierzulande mehr zu lesen (ZEIT Nr. 40/02).

Hill ist beinahe siebzig Jahre alt und hat mehr als vierzig Bücher veröffentlicht. Nicht alle sind Krimis, aber der Mann wäre doch nicht so alt und produktiv, hätte er sich durch Wiederholung des immer Gleichen zu Tode gelangweilt. Literatur ist Variation, und Hill kitzelt aus zwei vertrauten Verfahren immer neue, erstaunliche Geschichten. Das eine Verfahren Hills ist die Anverwandlung literarischer Vorlagen. Sein jüngst vom Europa Verlag publizierter Roman Ins Leben zurückgerufen (im Original 1992 erschienen) enthält gleich mehrere Anspielungsebenen. Das andere Verfahren, von Conan Doyle als geniales Grundmuster der Detektivstory erfunden, ist die Doppelung des Detektivs zum Ermittlerpaar.

Hills Antwort auf Dr. Watson und Sherlock Holmes sind Andy Dalziel (ausgesprochen "Die-ell") und Peter Pascoe. Dalziel ist der fette Bulle: grobschlächtig, bildungsfeindlich, intrigant, heimtückisch, dabei raffiniert und instinktsicher, Detective Superintendent und Chef der Kripo ei-nes fiktiven Mid-Yorkshire in mehr als 20 Romanen. Pascoe ist aber keineswegs der anbetende Bewunderer seines genialischen Monsterchefs, sondern das nie ganz ausreichende Gegengewicht und die bessere Hälfte des notorischen Einzel-gängers Dalziel: gebildet, eher sanft als gewalt-tätig, ein ruhiger Zuhörer, mit einem kolossalen Boss und mit der Liebe zu einer zickigen, aber schriftstellernden Ehefrau geschlagen. Dalziel und Pascoe – ein Paar, das im Krimihimmel der Deutschen einen Erzengelsitz verdient.

Im vorliegenden Fall wird Pascoes Loyalität bis an die Grenze der Belastbarkeit strapaziert. Dalziel schlägt über alle Stränge. Dubiose politische Erwägungen in London haben dazu geführt, dass ein Fall, der vor fast dreißig Jahren von Dalziels verehrtem Vorgesetzten und Lehrer gelöst wurde, wieder aufgenommen wird. Es war, wie Hill es einem literarischen Chronisten in den Mund legt, das letzte Verbrechen des Goldenen Zeitalters.

Dies ist einer der besten Krimis des letzten Jahrzehnts

In jener Zeit dienten die realen Fälle dem englischen Kriminalroman noch als Vorbild, um den Snobismus der herrschenden Klasse zu karikieren. Das klassische Wochenendtreffen einer kleinen Snobiety-Gruppe endete mit einem klassischen Locked-Room-Mystery. Auf Mickledore Hall liegt die Gattin eines Industriellen erschossen in der verschlossenen Waffenkammer, ein Jahr später (der Skandal, bei dem Verteidigungsminister Profumo in demselben Bett einer Prostituierten gefunden wurde, das auch ein sowjetischer Spion benutzte, war gerade vorüber) wird der Besitzer von Mickledore Hall als Mörder gehängt.

Jetzt, 1991, wird die damals als Mitschuldige verurteilte Amerikanerin Cecily Kohler nach 27 Jahren Gefängnis auf höchste Weisung freigelas-sen – und Dalziel wirft sich in die Schlacht der wiederaufgenommenen Ermittlungen, die, so will er wissen, nur ein Ziel haben: seinem verehrten Vorgänger Dreck anzuhängen. Über jedes Gesetz und jede Vorschrift setzt er sich hinweg und bescheidet den eingeschüchterten Pascoe: "Die Wahrheit ist unerheblich, wenn man für einen Kumpel eintritt." Und so unterschlägt er Beweise, führt unerlaubte Vernehmungen durch, enteilt sogar in die verhassten Vereinigten Staaten, um seinen Kumpel zu entlasten.