Dort, wo auf der Landstraße nicht einmal mehr ein Mittelstreifen geweißelt ist, feiert der Verleger Richard Pils sein "Poetenfest". Alljährlich folgen Filmemacher und Autoren, Maler und Musiker, Schauspieler und Wissenschaftler der Fanfare vom Bergfried der historischen Grenzfeste zu Tschechien, Schloss Raabs. 1700 Kulturfestivals ziehen sommers in Österreich drei Millionen Gäste in ihren Bann; 500 davon besuchen die Bücher-Burg, die zum Besitz der "Bibliothek der Provinz" gehört, des Schlossherrn eigener Verlag. Der ist heuer 15 Jahre jung und präsentiert sich feudal in fünf Sälen mit seinen 700 Publikationen: Belletristik, Essayistik, Fotografie, Bibliophilie, Musikalia, Regionalia, Kunstbuch, Kochbuch, Kinderbuch. Bespielt werden die 130 Kemenaten und Kaminzimmer, Hallen und Höfe mit Konzerten, Kongressen und Kursen internationaler Musikmeister. Im Ausstellungsprogramm immer dabei der Maler Achternbusch, dessen schriftstellerisches Gesamtwerk in der "Bibliothek" nun seine Heimat gefunden hat. Immer dabei auch George Tabori, die Ikone des Verlegers. Kess lädt der jetzt ins niederste Niederösterreich zur Welt-Premiere einen traurigen Tabori ein, dessen jüngstes Stück Claus Peymann als Uraufführung am Berliner Ensemble verhindert hat. Die Raabser Revanche der Hinrichtung zeigt wahrhaftig keinen Geniestreich des Bühnenmagiers. Das mörderische Rondo der Todesarten von Potentaten ist eher ein dünnes Skript, garniert mit Shakespeare und Kalau. Einzig die dichte Erzählung und das gestische Heraufführen beklemmender Bilder durch den Spieler Markus Meier vom Wiener Burgtheater retten eine fragwürdige Inszenierung buchstäblich vorm Absaufen. Ohne jedwede innere Notwendigkeit setzt die Regie den Helden in die Barschel-Wanne und huldigt der branchenüblichen Konvention von schlaffem Gemächt und blankem Busen.

Wirklich nicht satt sehen und satt hören wollte sich das Publikum an Sepp Bierbichler und seinem grandiosen Solo als "Gitarrenmann" von John Fosse – lauter laute Bravos! Applaus auch für die fünfzehn Autoren, die Impresario Pils zu Lesung und literarischem Frühschoppen animiert hat, verschränkt mit Kammermusik, Jazz-Klassik und frecher Posaune. Die huldigt nicht nur etablierten Namen im Literaturbetrieb; sie rahmt den denkwürdigen Auftritt einer 90-jährigen Bäuerin, Auguste Zisch, die ihre kargen Dialekt-Gedichte stehend auswendig vorträgt – Ovation, Tränen.

Pils-Kultur. Knapp 60 Jahre zählt der Spiritus Rector all dieser Unternehmungen. Ein Solitär in den Stromschnellen der Saisons, ein Block im Windkanal der Verlagskonzentration, ein Stück reinen Eigensinns, wie er da priesterlich und spindeldünn mit seinem hüftlangen Chinesen-Zopf auf der Bühne steht und sich die verwaschene Hose hochzieht unter dem waldgrünen Kaschmirjackett von Knize, Wiens erstem Herrenkonfektionär. Er ist ein fanatischer Leser und Lover der Dichter. Alle ihre Bücher hält er immer lieferbar, bei ihm gibt es keinen Ramsch. Verlegerschaft ist Freundschaft, und dieses Leben – ein täglicher Seiltanz zwischen Kommerz und Gefühl. Wie er siebzehn Rezensionsexemplare persönlich dem Redakteur auf den Schreibtisch packt, so backt er auch persönlich dem Autor einen Kuchen und schreibt ihm mit Marillen den Namen in den Teig.

Im Sinn für Bilder ist er unfehlbar, der Kleinhäuslers-Sohn, einst Sonderschullehrer, und magistrierter Absolvent der Wiener Kunstakademie. Aber Jus und Mathe hat er auch studiert. Die Organisation seiner Umtriebe ist so manches Mal seine Stärke nicht, und der Vertrieb seiner Werke macht Autoren, Händlern und Kunden nicht wenig Sorgen. Der Mann, dem die gesamte Existenz vor sechs Jahren bis auf die Grundmauern restlos niederbrannte, Haus, Hof, Bibliothek, Sammlung, widersetzt sich eisern den eisernen Gesetzen der Branche und versieht keines seiner Bücher mit dem obligatorischen Erscheinungsjahr. So will er sie den Wirbeln der Moden entreißen. Ein Partisan.

Wie, um Himmels Willen, wird dieses Gewerk finanziert, und wer stemmt das alles? "Jo, i!", sagt er wie die Sphinx aus einer anderen Welt. "Oder soll i Golfn gehn oder einen Stern auf der Kühlerhaubn spaziern fahrn? Freili, ’s ist einfacher, ein Buch zu kaufn, aber ’s ist viel lustvoller, eins zu verlegen!"

Peter Roos hat in der "Bibliothek der Provinz" die beiden literarischen Porträts "Tabori zieht um" und "Der Engel im Kaffeehaus" publiziert