Fünftausend Jahre sind ein ehrwürdiges Alter. Ein Dschinn, ein Dämon, steht dann allerdings noch immer in voller Jugendfrische und will von dem mächtigen Zauberer, der ihn zu Diensten ruft, kenntnisreich und souverän gebannt sein. Sonst kann es böse enden – für den Zauberer.

Bartimäus ist ein solcher Dschinn, schlau und schnoddrig, alter Hase und flinker Draufgänger, selbstbewusst vom Scheitel bis zur Sohle, wenn er sich denn gerade mal in irgendeine Körperlichkeit bugsiert. Völlig zu Recht übrigens: "Ich richtete die Mauern von Uruk, Karnak und Prag wieder auf. Ich sprach mit König Salomo. Ich galoppierte mit den Büffelvätern über die Prärie." Einer, der seine Pappenheimer kennt: "Einmal verlangte ein Zauberer von mir, ihm seine große Liebe zu zeigen. Ich hielt ihm einen Spiegel vor." Über Epochen hinweg hatte Bartimäus seine Ruhe, kein Zauberer rief ihn herbei und traktierte ihn mit magischer Dienstverpflichtung. "Ich kenne weder Herrn noch Meister", posaunt er noch auf Seite 12 – und hat dann bis Seite 540 nur noch Stress.

Geradezu empörend, wer ihn da auf einmal herbeizitiert und in seinen Bann gezwungen hat, kein Zauberer mit Statur, nein, ein etwa zwölfjähriger "schmächtiger Knirps", der ihm nun mit "nerviger Piepsstimme" seinen Befehl hinstottert: "Ich befehle dir, das Amulett von Samarkand aus dem Haus von Simon Lovelace zu holen und es mir morgen bei Sonnenaufgang, wenn ich dich wieder rufe, herzubringen." Von allen guten Geistern verlassen, dieser Knilch, hoch begabt und zart und schaurig; das Amulett also, "hochmagisches Artefakt von pulsierender Aura", wie uns der Dschinn gleich erklärt, und Simon Lovelace, einer der schlimmsten und mächtigsten Finger im Empire. Wer das Amulett besitzt, ist nahezu unverwundbar. Der Junge weiß nicht, was er da tut, und Bartimäus muss – er muss, so will’s der Zauber – das Ding für ihn drehen.

Das ist der Beginn der Bartimäus-Trilogie, die der Brite Jonathan Stroud erzählt. Und der erste Band beweist, wie überraschend gut sein erzählerischer Kunstgriff funktioniert. Bartimäus, der Dschinn, tritt uns als Ich-Erzähler entgegen. Das bleibt Nathanael, seinem neuen Herrn und Meister, verwehrt. Seine Geschichte, seine Perspektive aufs Geschehen schildert ein Erzähler. Die Asymmetrie hat ihren Reiz und schafft in zweierlei Temperamenten zwei Identifikationsfiguren. Natürlich weiß Nathanael doch, was er tut. Besagter Lovelace hat ihn, den gelehrigen Schüler der Magie, einmal zutiefst gedemütigt. Und dafür will Nathanael sich rächen, dem arroganten Widerling einen Schlag versetzen.

Bis zu einer Regierungskrise wird sich die Sache mit dem Amulett ausweiten. Denn im Parlament in London sitzen bei Stroud die Zauberer; die Muggel heißen bei ihm die "Gewöhnlichen" und stellen das Wahlvolk. Aber keine Angst, Stroud hütet sich, seinen Einfall überzustrapazieren, er hat genug andere.

Mit Witz, Ironie und Tempo wird das alles erzählt. Die Klauseln und Kautelen der Zauberei werden schonend vermittelt und sind mitunter sehr plausibel: "Ich habe Zugang zu sieben Ebenen, die alle gleichzeitig existieren. Sie überlappen einander wie Schichten bei einem Blätterteig. Sieben Ebenen sind völlig ausreichend. Wer mehr benutzt, will bloß angeben." Solche Feinheiten setzt Stroud in launige Fußnoten. Man muss sie nicht lesen, aber sie machen Spaß.

Am Ende sind sie fast zu Freunden geworden, Nathanael und sein Dschinn, obwohl sie nicht nur Simon Lovelace und seine magische Armada bekämpft, sondern sich zur Freude des Lesers auch gegenseitig ein tolldreistes Duell geliefert haben. Der Junge lässt den Geist wieder in die Freiheit fahren. Und der verschwindet mit Schwefelgruß irgendwo auf seinen sieben Ebenen. Reinhard Osteroth