Man weiß von Anfang an, wo alles vonstatten geht. Die Landkarte auf dem Titelblatt zeigt die Städte Bagdad, Damaskus und Jerusalem, natürlich Mekka, die heilige Hauptstadt des Islams – der zweitgrößten Religion nach dem Christentum –, und: Istanbul. Das ist der Ort, an dem sich dieses merkwürdig fesselnde, die Neugier reizende Buch ereignet – nein, in dem wir Seite um Seite miterleben, wie auf einem von einem fürchterlichen Brand verwüsteten Stadtteil eine große Moschee gebaut wird. Und dies geschieht so, wie man es von David Macaulay seit je gewohnt ist, als eine gezeichnete Erzählung, in der Wort und Bild einander stimulieren.

Eine Moschee? Aber ja, zumal heute, da wir derlei Bauwerke schon lange nicht mehr bloß auf Reisen in die Türkei und den Nahen Osten bestaunen, sondern in vielen unserer Städte entstehen sehen – wenngleich kaum so prächtig wie zum Beispiel in Istanbul. Wie üblich, hat Macaulay sich in der Baugeschichte des Osmanischen Reiches genau erkundigt und seine Geschichte so erfunden, als sei sie in den Jahren 1595 bis 1600 tatsächlich geschehen.

Was gehört zum Gotteshaus? Grab und Brunnen, Armenküche, Bad

Also: Dem alt gewordenen, in Kriegen zu Ansehen und Wohlstand gekommenen Admiral Suha Mehmet Pascha schien es nun tunlich zu sein, sich dem Volke dankbar zu erweisen und ihm eine Moschee zu bauen, mitsamt den Gebäuden, die man in ihrer Nachbarschaft erwartet, mit einer Religions-Hochschule, einer Armenküche, einem Badehaus, dazu einem Trinkwasserbrunnen und, neben dem Gotteshaus, mit seinem Grab. Schon komplimentiert uns Macaulay auf den Bauplatz, damit wir von nun an alles leibhaftig erfahren: über das Grundstück (vernünftiger Preis, herrlicher Blick), die Materialien (Marmor, Ziegel und Lehm, Blei und Holz), über die Gefahren des Windes (facht gern Brände an), die Ungeduld des Bauherrn. Man liest und sieht und lernt, wie Fundamente gesetzt, Steine gemeißelt, Ziegel geformt, wie raffiniert Gewölbe errichtet werden, wie die Wendeltreppe mit dem Minarett in die Höhe wächst, warum die Moschee einen Portikus braucht.

Und während man davon liest, sieht man die Bauwerke auf die unterhaltsamste Weise vor seinen Augen entstehen. Der Zeichner, in dessen Kopf ein wunderbarer pädagogischer Eros wohnt, erläutert und zeigt alles. Mal geht in seinen ungemein anschaulichen Zeichnungen der Blick nach oben, mal nach unten, er eröffnet den Blick hinauf in die Kuppel und von ganz oben hinab auf die wachsenden Gewölbe, enthüllt, wie die Haube des Minaretts gezimmert, isoliert, mit Blei beschlagen und aufgesetzt wird. Ohne es zu bemerken, lernt man beim Lesen und Betrachten wie nebenbei, was ein Joch, ein Portikus und eine Laterne, was Quiblawand und Mihrab und ein Peudentif sind, was Medresse, Imarel, Hamam und Türbe – und sieht alles so plastisch dargestellt, als stünde man dicht daneben, dabei die Fertigkeiten und die Sorgfalt der Handwerker und Künstler bewundernd. Bedauerlich nur, dass er dies und andere fremde Bezeichnungen nicht gleich im Text – der in makellose deutsche Sprache übersetzt wurde –, sondern erst im Glossar ganz hinten erklärt.

Am Ende bestand die "Külliye", der ganze Komplex um die Moschee, die dem großmütigen Bauherrn wichtig war, nicht nur aus den sieben geplanten Gebäuden, sondern auch aus einem wie nebenbei ringsum entstandenen neuen Stadtteil, prall von Leben.

Die Lieblingsfrau des Bauherrn baut ein Geschäft an – nach seinem Tod

Den Admiral, übrigens, traf, bevor das Werk seiner Stiftung vollendet war, beim Feigenpflücken der Schlag. Man bestattete ihn, wie er es sich gewünscht hatte, unter seiner Türbe, seinem Grabhaus. Fröhlich erfährt man von des Admirals Lieblingsfrau, dass sie zur Sicherung der Stiftung gleich noch eine Karawanserei und ein Geschäftshaus habe errichten lassen, zwei auf Anhieb florierende Unternehmen. "Obwohl", lässt uns Macaulay zuletzt wissen, "die Erinnerung an den großen Brand noch nicht ganz verblasst war, hatte sich die Asche längst mit der Erde vermischt, auf der nun neues Leben gedieh." Selten machen Bücher solch Vergnügen wie diese: Vergnügen beim Lesen und Lernen. Manfred Sack