Seine Finger zittern, als er sich die Beinprothesen anlegt. Seit Jahren kann er ohne sie nicht mehr laufen. Mühsam zieht sich Želko Kopanja an dem Geländer an der Wand hoch. Langsam beginnt er sich anzukleiden. Er schwankt unbeholfen, als er sich die Hose über die künstlichen Beine zieht. Dann nimmt er seine beiden Krücken und stakst Schritt für Schritt die Holztreppe herunter. In der Küche setzt er Kaffeewasser auf und stellt das Radio an. "Die internationalen SFor-Truppen haben bei ihrer Fahndung nach Radovan Karadžić den gesuchten Kriegsverbrecher erneut knapp verpasst", schallt es in bosnischer Sprache aus dem Lautsprecher.

"Karadžić habe ich all das zu verdanken", sagt Kopanja leise und schaut auf seine künstlichen Beine. Er hatte sich seit Ende des Krieges in Bosnien am 21. November 1995 mit seiner Gazette Nezavisne novine (auf Deutsch schlicht: "Unabhängige Zeitung") auf die Fährte Radovan Karadžić’ gesetzt. Wieder und wieder prangerte er mit seinen Artikeln an, dass sich der gesuchte Kriegsverbrecher noch immer in Freiheit befände. Kopanja, selber ein Serbe, begann, eine große Serie über die Kriegsverbrechen seiner Landsleute zu schreiben. Der Aufhänger war Radovan Karadžić. "Ich war der Erste, der in der Serbischen Republik Bosniens offen über unsere eigenen Kriegsverbrechen schrieb", erinnert sich der Journalist. Als er die Serie startete, habe die Redaktion fast täglich Drohungen erhalten, mit Prügeln hätten sie gerechnet, "aber an so etwas habe ich nie gedacht. Ich kann bis heute nicht glauben, dass mich jemand wegen meiner Artikel umbringen wollte."

Zeitweise jagen ihn fast 50.000 Nato-Soldaten

Es passierte einen Tag nach seinem 45. Geburtstag. Kopanja befand sich auf dem Weg in die Redaktion. Er überlegte noch kurz, ob er zu Fuß gehen sollte. Doch dann stieg er ein in seinen blauen Golf. Die Bombe explodierte unter ihm, als er den Zündschlüssel herumdrehte. "Es gab einen sehr, sehr lauten Knall. Plötzlich sah ich meinen rechten Fuß neben mir auf dem Beifahrersitz liegen, ich verlor das Bewusstsein." Sechs Monate kämpfte Kopanja mit dem Tod.

Radovan Karadžić befehligte während des Krieges in Bosnien die serbischen Truppen. Sein erklärtes Ziel war die vollständige Vertreibung aller Muslime. Am Ende des Krieges befanden sich vier Millionen Menschen auf der Flucht, fast 200.000 waren tot. Bilder der Kämpfe gingen um die Welt: Sarajevo unter Beschuss und Gefangene hinter Stacheldraht in dem Lager Omarska und – die Gräueltaten in der Enklave Srebrenica. Auf Karadžić Weisung wurden dort in der zweiten Juliwoche 1995 fast 8.000 unbewaffnete Männer, darunter auch Jugendliche, hingerichtet. Die Ereignisse sind bekannt, auch die Rolle des Radovan Karadžić. Er gilt als einer der Organisatoren des Massenmordes.

Nur zwei Wochen nach dem Fall von Srebrenica wird Karadžić vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Fünf Millionen Dollar werden auf seinen Kopf ausgesetzt. Nach Osama bin Laden ist Karadžić der meistgesuchte Mann der Welt. Zeitweise jagen ihn fast 50.000 Nato-Soldaten der internationalen SFor-Truppen. Doch gefasst haben sie ihn bis heute nicht, dabei ist Bosnien ein kleines Land. Seit dem Beginn der Suche nach Radovan Karadžić hält sich hartnäckig die Vermutung, dass seine Verhaftung nie wirklich erwünscht war (siehe Ist Karadžić in Russland, im Kloster? ).

Čelibići ist ein kleines Dorf in der serbischen Teilrepublik. Weit ab in den Bergen nahe der Grenze zu Montenegro gelegen, gerade mal ein Dutzend Häuser, eine Schule und eine kleine Kirche. Im Frühjahr 2002 geriet Čelibići für kurze Zeit ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Hier, so hieß es, sollte sich Karadžić versteckt halten.

Um fünf Uhr morgens landeten fünf Hubschrauber amerikanischer SFor-Einheiten in dem kleinen Dorf. Maskierte Spezialkommandos sprengten Häuser auf und schossen in Türen. Bodentruppen sicherten die Hügel und Pfade rings um das kleine Dorf, damit der Kriegsverbrecher nicht fliehen konnte. CNN unterbricht das Programm und meldet, Karadžić sei in Čelibići festgenommen worden. Später wurde die Nachricht zurückgenommen. Die SFor gab bekannt, der Mann sei nur knapp entkommen.