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Seine Finger zittern, als er sich die Beinprothesen anlegt. Seit Jahren kann er ohne sie nicht mehr laufen. Mühsam zieht sich Želko Kopanja an dem Geländer an der Wand hoch. Langsam beginnt er sich anzukleiden. Er schwankt unbeholfen, als er sich die Hose über die künstlichen Beine zieht. Dann nimmt er seine beiden Krücken und stakst Schritt für Schritt die Holztreppe herunter. In der Küche setzt er Kaffeewasser auf und stellt das Radio an. "Die internationalen SFor-Truppen haben bei ihrer Fahndung nach Radovan Karadžić den gesuchten Kriegsverbrecher erneut knapp verpasst", schallt es in bosnischer Sprache aus dem Lautsprecher.

"Karadžić habe ich all das zu verdanken", sagt Kopanja leise und schaut auf seine künstlichen Beine. Er hatte sich seit Ende des Krieges in Bosnien am 21. November 1995 mit seiner Gazette Nezavisne novine (auf Deutsch schlicht: "Unabhängige Zeitung") auf die Fährte Radovan Karadžić’ gesetzt. Wieder und wieder prangerte er mit seinen Artikeln an, dass sich der gesuchte Kriegsverbrecher noch immer in Freiheit befände. Kopanja, selber ein Serbe, begann, eine große Serie über die Kriegsverbrechen seiner Landsleute zu schreiben. Der Aufhänger war Radovan Karadžić. "Ich war der Erste, der in der Serbischen Republik Bosniens offen über unsere eigenen Kriegsverbrechen schrieb", erinnert sich der Journalist. Als er die Serie startete, habe die Redaktion fast täglich Drohungen erhalten, mit Prügeln hätten sie gerechnet, "aber an so etwas habe ich nie gedacht. Ich kann bis heute nicht glauben, dass mich jemand wegen meiner Artikel umbringen wollte."

Zeitweise jagen ihn fast 50.000 Nato-Soldaten

Es passierte einen Tag nach seinem 45. Geburtstag. Kopanja befand sich auf dem Weg in die Redaktion. Er überlegte noch kurz, ob er zu Fuß gehen sollte. Doch dann stieg er ein in seinen blauen Golf. Die Bombe explodierte unter ihm, als er den Zündschlüssel herumdrehte. "Es gab einen sehr, sehr lauten Knall. Plötzlich sah ich meinen rechten Fuß neben mir auf dem Beifahrersitz liegen, ich verlor das Bewusstsein." Sechs Monate kämpfte Kopanja mit dem Tod.

Radovan Karadžić befehligte während des Krieges in Bosnien die serbischen Truppen. Sein erklärtes Ziel war die vollständige Vertreibung aller Muslime. Am Ende des Krieges befanden sich vier Millionen Menschen auf der Flucht, fast 200.000 waren tot. Bilder der Kämpfe gingen um die Welt: Sarajevo unter Beschuss und Gefangene hinter Stacheldraht in dem Lager Omarska und – die Gräueltaten in der Enklave Srebrenica. Auf Karadžić Weisung wurden dort in der zweiten Juliwoche 1995 fast 8.000 unbewaffnete Männer, darunter auch Jugendliche, hingerichtet. Die Ereignisse sind bekannt, auch die Rolle des Radovan Karadžić. Er gilt als einer der Organisatoren des Massenmordes.

Nur zwei Wochen nach dem Fall von Srebrenica wird Karadžić vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Fünf Millionen Dollar werden auf seinen Kopf ausgesetzt. Nach Osama bin Laden ist Karadžić der meistgesuchte Mann der Welt. Zeitweise jagen ihn fast 50.000 Nato-Soldaten der internationalen SFor-Truppen. Doch gefasst haben sie ihn bis heute nicht, dabei ist Bosnien ein kleines Land. Seit dem Beginn der Suche nach Radovan Karadžić hält sich hartnäckig die Vermutung, dass seine Verhaftung nie wirklich erwünscht war (siehe Ist Karadžić in Russland, im Kloster? ).

Čelibići ist ein kleines Dorf in der serbischen Teilrepublik. Weit ab in den Bergen nahe der Grenze zu Montenegro gelegen, gerade mal ein Dutzend Häuser, eine Schule und eine kleine Kirche. Im Frühjahr 2002 geriet Čelibići für kurze Zeit ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Hier, so hieß es, sollte sich Karadžić versteckt halten.

Um fünf Uhr morgens landeten fünf Hubschrauber amerikanischer SFor-Einheiten in dem kleinen Dorf. Maskierte Spezialkommandos sprengten Häuser auf und schossen in Türen. Bodentruppen sicherten die Hügel und Pfade rings um das kleine Dorf, damit der Kriegsverbrecher nicht fliehen konnte. CNN unterbricht das Programm und meldet, Karadžić sei in Čelibići festgenommen worden. Später wurde die Nachricht zurückgenommen. Die SFor gab bekannt, der Mann sei nur knapp entkommen.

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Die Wahrheit sieht wohl anders aus. Schon Tage vor dem geplanten Zugriff beobachteten die Bewohner von Čelibići, dass die deutschen SFor-Patrouillen Soldaten in der Gegend stationierten. "Wir sahen, dass sie immer mit fünf Jeeps kamen, aber nur mit vieren zurückfuhren. Ein Fahrzeug blieb in der Hochebene stationiert", erzählt Zimanoviƒ Miliajiz, der Postbote des kleinen Dorfes. So sei das den ganzen Tag gegangen, bis das ganze Gebiet abgeriegelt war. "Jeder wusste, dass etwas im Gange war. Als die Helikopter kamen, war es keine Überraschung", erinnert sich der Augenzeuge. Die Leibwächter um Karadžić waren ohnehin längst informiert. Ein französischer SFor-Offizier hatte den geplanten Einsatz am Telefon verraten, wie der britische Geheimdienst später herausfand. Warum der Mann das tat, ist bis heute unklar.

Soll Karadžić nicht gefunden werden? Der amerikanische Botschafter Clifford Bond gilt als der Mann mit dem größten Einfluss in Bosnien. Er residiert in Sarajevo in einem festungsartig gesicherten Gebäude. Die Suche sei nie vorbei, versichert Bond. "Ein fürchterliches Kapitel in der Geschichte der Region wird nicht abgeschlossen sein, bevor Leute wie Karadžić nicht festgenommen und nach Haag gebracht werden. Und das wird geschehen."

Der bosnische Spion wusste genau, wo Radovan Karadžić sich versteckt hielt. Der unscheinbare junge Mann erinnert in seiner schwarzen Kleidung eher an einen Mönch als an einen Geheimdienstmitarbeiter. Als Treffpunkt hat er einen Ort weit außerhalb der Stadt vorgeschlagen. Mohammed Ajanović arbeitete für die Abteilung zur Aufklärung und Verfolgung von Kriegsverbrechen beim bosnischen Geheimdienst in Sarajevo. Sein Chef Munir Alibabić hatte ihm einen klaren Auftrag gegeben: Finde Karadžić! Jahrelang setzte sich der Spion auf die Spur des Gesuchten. Dann fand er 2002 Karadžić und zwölf seiner Leibwächter in dem Kloster Osren in der Bergen Ostbosniens. Nach sechs Jahren gab es damit erstmals eine heiße Spur.

"Während unserer Arbeit sind wir ihm mehrmals nahe gekommen, dann haben wir es geschafft, das genaue Versteck von Radovan Karadžić zu finden. Diese Information haben wir an die SFor gegeben", behauptet Ajanović. Doch als sie den "Internationalen", wie die SFor-Trupppen und das Büro des Hohen Repräsentanten Paddy Ashdown in Sarajevo bei den Einheimischen nur heißen, von ihren Erkenntnissen berichteten, sei nichts geschehen. Die haben nicht reagiert. Es bestand kein Interesse bei der SFor, als wir ihnen sagten, wir wüssten genau, wo Radovan Karadžić ist." Deshalb gaben Ajanović und sein Chef ihre brisante Information an die Presse in Sajarevo weiter und machten somit die Untätigkeit der SFor publik. Kurz darauf werden sie auf Druck des Hohen Repräsentanten aus dem Geheimdienst entlassen.

Die "Internationalen" werfen ihnen Geheimnisverrat vor. Die beiden werden unter Anklage gestellt. Auf ein Dekret von Paddy Ashdown wird ihnen untersagt, sich öffentlich zu äußern, ein öffentliches Amt wahrzunehmen oder an Wahlen teilzunehmen. Wörtlich heißt es in diesem Papier: "Sie haben ihre Pflicht verletzt, geheime Information vor falschem Gebrauch zu schützen." Ihre Entlassung erfolgt drei Tage, bevor die Den Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte nach Sarajevo kommt. Sie stellt kurz darauf Ajanović und seinen Chef als Fahnder für das Den Haager Tribunal ein. Del Ponte hat wiederholt beklagt, dass die Nato Karadžić nicht wirklich suche. "Ich habe keine Erklärung, warum der politische Wille fehlt. Ich glaube, dass die Nato, wenn sie wollte, Karadžić sehr schnell haben könnte", sagte sie noch im Sommer letzten Jahres bei einem Besuch in Berlin.

Die kleine Straße vor dem Wohnblock ist von Abfällen gesäumt. Auf manchen Wäscheleinen hängen noch olivgrüne Militärhemden. Hier, in einem der tristen Vororte Banja Lukas, sind die Folgen des Embargos, das nach dem Krieg lange über die serbischen Teile Bosniens verhängt war, noch zu spüren. Inmitten all der Armut und des Drecks befindet sich die Redaktion der Zeitung Nezavisne novine, deren Chef seine Recherchen so teuer bezahlte. In seinem kleinen Büro muss Želko Kopanja erst zwei Stühle zur Seite räumen, damit Besucher das Zimmer betreten können.

Kopanja erinnert sich gut an die Hinweise der Geheimdienstleute. "Die Führung der SFor meinte damals, dass es nicht angemessen sei, eine Festnahme in einem Kloster durchzuführen." Es sei eine Verletzung der religiösen Gefühle des serbischen Volkes. Man müsse warten, bis Karadžić und seine Leute den Ort gewechselt hätten. "Die Suche nach Karadžić", davon ist Kopanja überzeugt, "das ist eine Show für die westliche Öffentlichkeit. Sie wollen zeigen, dass sie was tun. Eigentlich machen sie nur einen Zirkus daraus. Ich meine: Hier waren über 50.000 Nato-Soldaten, und sie haben nichts unternommen. Das ist doch lächerlich."

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"Die Stadt brennt wie der Weihrauch in der Kirche", dichtet Karadžić

Dann holt er eine Videokassette heraus, eine Produktion der BBC aus dem Krieg. Ein Panzerrohr bewegt sich darin langsam durch das Bild. Unter dem Rohr ist Sarajevo zu sehen. Karadžić und der rechtsgerichtete russische Dichter Eduard Limonow stehen auf einem Hügel, vor ihnen ein Maschinengewehr. Karadžić schießt kurz in die belagerte Stadt hinunter. Dann lädt er seinen Freund Limonow ein, es ihm gleichzutun. Limonow schießt eine Salve nach der anderen in die Häuser Sarajevos. Töten als Spaß und Zeitvertreib. Karadžić’ Stimme ist zu hören, er rezitiert eines seiner Gedichte:

Ich höre die Schritte der Zerstörung. / Die Stadt brennt wie der Weihrauch in der Kirche. / In dem Rauch sehe ich unser Gewissen. / Zwischen bewaffneten Gruppen, bewaffneten Bäumen. / Alles, was ich sehe, ist bewaffnet. / Alles zeigt Armee, Kampf und Krieg.

Der O-Ton Karadžić’ geht weiter, er habe diese Zeilen vor über 20 Jahren geschrieben, sagt er in dem Video. "Viele meiner Texte sind wie Weissagungen, und manchmal erschreckt mich das." Chefredakteur Kopanja stoppt das Band.

Jahrelang hatte sich Karadžić in der Literaturszene der Stadt bewegt. Jeder kannte den jungen Mann mit dem wallenden Haar, der 1945 in dem kleinen Dorf Petrijca in den Bergen Montenegros geboren wurde. Als junger Mann kam er nach Sarajevo, er studierte Medizin und Psychologie. Er betreute als Mannschaftsarzt den Erstligafußballclub FC Sarajevo. Jahrelang lebte und arbeitete Karadžić mit Muslimen zusammen, die seine besten Freunde waren. Niemand ahnte, was kommen würde. "Meine Mutter hat ihn immer Sohn genannt, er fuhr sogar mit uns in die Ferien", erinnert sich sein ehemaliger Chef im Kosevo-Hospital, Professor Ismet Čerić, der 17 Jahre mit Karadžić zusammengearbeitet hat.

"Als die ersten Granaten auf unsere Stadt fielen, schellte bei meiner Mutter plötzlich das Telefon. Es war der Beginn unserer muslimischen Bairan-Ferien, die für uns sehr wichtig sind. Karadžić war in der Leitung und gratulierte ihr zum Beginn der Ferien. Meine Mutter erbleichte, denn der Anrufer ließ uns Muslime gerade bombardieren. Sie legte auf. Rundherum konnte man die Einschläge hören."

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Es war das Jahr 1992, als Radovan Karadžić die Zeilen seines Gedichtes wahr machte und Feuer auf Sarajevo fiel. Zigtausend Menschen starben bei dem Beschuss. Die Schritte der Zerstörung, wie er sie in seinem Gedicht nannte, löschten alte Freundschaften aus. Die Wandlung des Radovan Karadžić vom Arzt zum Kriegsherrn beschäftigt den Psychiater Ismet Čerić, seinen ehemaligen Freund, seit Beginn der Bombardements. "Es ist unmöglich, ihn zu verstehen", räumt der Arzt ein. "Er war nie ein strenger Nationalist. Dann geht er in die Politik, und nur ein paar Monate später ist alles anders. Er bombardiert die Stadt, zerstört unsere Klinik und tötet seine Freunde, mit denen er 20 Jahre lang zusammengelebt hat!"

Ab und an trifft sich Čerić mit dem Schriftsteller Marko Vešović. Gemeinsam wandern sie durch die Gänge der alten Bibliothek, die gerade wieder aufgebaut wird. Sie erinnern sich, wie es damals schwarze Schmetterlinge auf Sarajevo regnete, wie die Bücher verbrannten und wie die Asche zurücksank auf den Boden der umkämpften Stadt. "Hier in diesem Saal standen früher meine Bücher", erinnert sich Vešović. Die Mauern sind noch immer rußverschmiert. Die Staubkörner tanzen in dem hellen Licht, das durch die großen Fenster fällt, in denen bis heute die Scheiben fehlen. Der groß gewachsene Schriftsteller sieht Karadžić verblüffend ähnlich, er hat das gleiche wallende, graue Haar. Die beiden sind in Montenegro in Nachbardörfern aufgewachsen.

"Ich erinnere mich gut: Die bosnische Polizei hatte während des Krieges ein Gespräch Karadžić’ im Militärfunk abgehört. Er sprach mit einem seiner Militärkommandanten. Dieser hatte sich darüber beschwert, dass die Serben die Waffen nicht in die Hand nehmen wollen. Und auf einmal schrie Karadžić laut: ›Dann erschießt sie doch, verdammt noch mal, erschießt sie alle!‹ Diesen Schock, den ich damals bei diesem Satz erlebt habe, werde ich nie vergessen. Ich hatte Radovan sehr gut gekannt, aber das hier war jemand anderer. Ich fragte mich: Wer ist das? Ich habe ihn als einen Weichling gekannt, den seine Frau vor unseren Augen mit ihrem Stöckelschuh geschlagen hat. Und plötzlich zeigt sich die Bestie in ihm, diese Bestie ruft: ›Erschießt sie alle!‹"

Radovan Karadžić hatte das Oberkommando über die serbischen Truppen. Selbst General Ratko Mladić und seine Belgrader Truppen waren ihm unterstellt. Auch nach Kriegsende herrschte er mit uneingeschränkter Macht über die serbischen Teile Bosniens. Alle Macht lag in seinen oder in den Händen seiner Familie: das Präsidentenamt, die Parteiführung der SDS, das staatliche Fernsehen, Radiostationen, das Rote Kreuz der Republika Srpska und nicht zuletzt die illegalen Geschäfte mit Öl und anderer Schmuggelware. Die Familie Karadžić verdiente mit der Korruption Millionen von Dollar. Dann trat er plötzlich zurück. Am 19. Juli 1996 verkündet der amerikanische Chefuntergesandte Richard Holbrooke der Weltpresse, Radovan Karadžić habe sein Amt als Präsident der Republika Srpska niedergelegt. Er habe zugesichert, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. "Ihm war klar, dass er das Ende seiner politischen Karriere unterzeichnete", sagt Holbrooke. Doch warum gab Karadžić seine Macht bereitwillig ab?

Seit Jahren kursieren Gerüchte, dass es neben dem offiziellen Vertrag noch eine geheime Vereinbarung zwischen den Amerikanern und Karadžić gegeben hätte. Beweise dafür existieren nicht. Karadžić selbst hatte sein Kabinett in Pale damals von seinem bevorstehenden Rückzug informiert. In seinem einstigen Hauptquartier arbeitet heute eine Schraubenfabrik. Der Direktor der Firma versichert, das Besprechungszimmer sei nicht verändert worden. "Aus Respekt und Bewunderung für Doktor Karadžić", wie er sagt.

Schwere Vorhänge dämpfen das Licht. Rundherum rote Ledersessel, einer steht am Kopfende des Tisches – Radovan Karadžić’ Platz. In diesem Raum tagte während des Krieges die Führung um Karadžić. Hier wurden alle Entscheidungen gefällt, auch die über Leben und Tod. Cicko Bjelica saß mit am Tisch. "Hier erklärte Radovan Karadžić uns, dass er nicht mehr für das Amt des Präsidenten der bosnisch-serbischen Republik kandidieren werde und auch die Führung der Partei abgebe. Er sagte, dass er aus der Öffentlichkeit verschwinden werde. Der Grund sei ein Gentlemen-Deal mit der amerikanischen Regierung."

Hat demnach die US-Regierung ein geheimes Abkommen mit Karadžić getroffen? Der ehemalige Botschafter der Republika Srpska in Moskau, Tudor Dutina, bestätigt das: "Ja, diese Abmachung hat es gegeben. Ich habe mit der russischen Regierung darüber verhandelt, ob sie damit einverstanden sei. Ich war sehr überrascht: Die Russen wussten bereits von dem geplanten Vertrag. Obwohl ich zugeben muss, dass niemand diesen Vertrag je als Ganzes gesehen hat. Aber darin hat es viel mehr Zusagen Karadžić gegenüber gegeben, als man sich das vorstellen kann."

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Der amerikanische Botschafter Clifford Bond will dagegen von einer Vereinbarung mit Karadžić nichts wissen: "Der frühere Präsident Clinton hat deutlich gemacht, dass seine Regierung niemals solch eine Vereinbarung akzeptiert hätte."

Radovan Karadžić führte Verhandlungen nie allein. Er wollte sich nach den Gesprächen immer mit jemandem austauschen können. Der Mann, der ihn begleitete, heißt Aleksa Buha, der heute als Professor für Philosophie in Belgrad lebt. Der ehemalige Außenminister der Serbischen Republik war bei allen Verhandlungen dabei. In dem offiziellen Vertrag, in dem Karadžić seinen Rücktritt unterzeichnete, hat Buha als Zeuge unterschrieben. "Die Verhandlungen dauerten stundenlang", so Buhas Erinnerung, "es war zwischen 3 und 4 Uhr nach Mitternacht im Juli 1996. Immer hatte Richard Holbrooke etwas zu korrigieren, doch am Ende haben beide Seiten Karadžić’ Rücktritt unterschrieben. Dann habe ich Herrn Holbrooke gefragt, was wir dafür bekommen. Was sind die Chancen unserer Partei SDS und die Doktor Karadžić’? Holbrooke sagte, die SDS geht jetzt normal in die Wahl. Was Haag betrifft – er zeigte auf die beiden Unterschriften –, so haben wir die Geschichte von Karadžić und Den Haag erledigt. Das Tribunal von Haag ist mit diesem Papier passé. Wir haben französisch gesprochen, und ich erinnere mich gut, dass er dieses Wort gebraucht hat. Mit diesem Papier ist das Tribunal von Haag passé. Le tribunal à La Haye est passé."

Richard Holbrooke arbeitet heute als Vice-Chairman der New Yorker Firma Perseus. Er bestätigt den offiziellen Teil der Abmachung. Auf einem Fax bekräftigt er, nur dieser sei archiviert worden. Holbrooke bestreitet eine Absprache bezüglich des Tribunals in Den Haag.

Tatsache ist, dass sich Karadžić nach seinem Rücktritt jahrelang völlig ungehindert bewegte, er sogar öffentlich auftrat. Obwohl er längst in Den Haag angeklagt und damals offiziell der meistgesuchte Mann der Welt war. Wiederholt begegnete er internationalen SFor-Soldaten oder Polizisten der International Police Task Force IPTF. Offenbar wurde nie auch nur ein Versuch unternommen, ihn festzunehmen.

Der Hohe Repräsentant ist weisungsbefugt gegenüber der serbischen Regierung in Banja Luka. Gleich nach Ende des Krieges bestimmte er die Nationalflagge, die offizielle Währung und die einheitlichen Autokennzeichen für das Land. Jeder weiß, dass die bosnisch-serbische Regierung von Karadžić-Getreuen und alten Weggefährten durchsetzt ist. Selbst aus seinem familiären Kreis kommen höchste Politiker. So war Dragan Kaliniƒ bis vor wenigen Wochen der Parlamentspräsident der Regierung. Er ist der Pate von Karadžić.

Das Wissen um die Kriegsverbrechen erlaubt es dem Hohen Repräsentanten, ganze Gesetzespakete zu diktieren. "Das ist ganz einfach", sagt Chefredakteur Želko Kopanja. "Der Hohe Repräsentant Paddy Ashdown kommt mit einem Gesetzespaket von 20 Gesetzen nach Banja Luka. Die dortige Regierung muss sie annehmen. Kooperiert sie nicht und lehnt die Gesetze ab, setzt Paddy Ashdown die halbe Regierung auf die schwarze Liste – wegen der Unterstützung von Radovan Karadžić. Stehen sie auf dieser Liste, müssen sie sofort alle Ämter abgeben." Ein Radovan Karadžić in Freiheit könnte so ein wirksames politisches Druckmittel sein. Vielleicht kann der Kriegsverbrecher deshalb bis heute sogar seine Bücher ungehindert schreiben und veröffentlichen. Sie sind so beliebt, dass sie zwischen Werken von Dostojewskij oder Hemingway angeboten werden.

Der Kriegsverbrecher schreibt Kinderbücher – alle Bestseller

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Sein Verleger Miroslav Toholj spricht nicht gern mit westlichen Journalisten. Karadžić und die Serben würden nur missverstanden, meint er. Auch Srebrenica sei so nie geschehen. In seinem Wohnzimmer sind Wände und Regale mit Karadžić-Insignien geschmückt: Fotos, Ölporträts und Schwarzweißzeichnungen, wohin man blickt. Toholj behauptet, dass er Anfragen von Verlagen aus aller Welt bekomme, die an den Rechten der Karadžić-Bücher interessiert seien. Das letzte Buch von Radovan Karadžić, das er herausgebracht hat, ist ein Kinderbuch, wie die anderen in einer kleinen Druckerei am Rande der Stadt hergestellt. Hier lässt der Verleger auch die Plakate und Aufkleber produzieren, die immer wieder in Bosnien auftauchen. Unter dem bekanntesten Karadžić-Foto steht: "Don’t touch him!" Der Frage, wo Karadžić jetzt sei, weicht der Verleger lächelnd aus. Er wisse aber, wie man mit seiner Mutter Jovanka und seinem Bruder Luka sprechen könne.

Die Landschaft Ostbosniens wird oft als der dunkle Teil des Landes beschrieben. Doch dieser Ruf rührt nicht vom kargen Licht in den engen Tälern her. Hier regieren nach wie vor die alten Chargen der Karadžić-Partei. Hier ist Karadžić eine Legende, ein Mythos. In den Dörfern lassen die Menschen abends ihre Türen offen, ein Zeichen, dass der Gesuchte bei ihnen jederzeit willkommen ist. Auf den Hügeln ringsum immer wieder die Reste zerstörter Häuser. Hier lebten früher Muslime, bis sie von serbischen Truppen vertrieben und getötet wurden. Acht Jahre nach Ende des Krieges stehen die Ruinen immer noch. Wie eine Warnung an ihre einstigen Bewohner, nie zurückzukehren.

Je weiter man zur Grenze nach Montenegro vordringt, desto abweisender wird die Landschaft. Schroffe Berge, Nebel zieht über die Straße. Die Grenze besteht aus einem Wellblechschuppen und zwei Polizisten, die sich langweilen. Jedes einheimische Auto passiert ohne Kontrolle. Es hat sich herumgesprochen, dass Karadžić diese Grenze in den letzten Jahren oft überquert hat. Auch in Niksić in Montenegro liegt Nebel über den Häusern, es regnet leicht. Verleger Toholj stoppt das Auto und fragt eine Frau am Straßenrand, die ihre Einkäufe nach Hause trägt, nach dem Weg zur Familie Karadžić. Der Bruder wohne gleich um die Ecke, aber die Mutter sei seit Jahren tot, sagt die Frau.

Der Verleger lächelt, er weiß es besser. Mutter Jovanka Karadžić habe vor vier Jahren dem britischen Guardian ein Interview gegeben. Danach sei sie von den Karadžić-Vertrauten aus dem Verkehr gezogen und öffentlich für tot erklärt worden, erklärt Miroslav Toholj. Selbst Zeitungsartikel mit ihrem Nachruf seien damals erschienen.

Hunde bellen aus den kleinen Häusern, die nur grob verputzt sind. Toholj geht langsam auf ein großes weißes Haus mit schmiedeeisernem Tor zu. Die Villa sticht heraus. Hier wohnt die Familie von Radovan Karadžić. Luka, sein jüngerer Bruder, öffnet die Tür und umarmt den Verleger innig. Offenbar kennen sich die beiden gut. Luka Karadžić winkt herein, seine Mutter und sein Cousin warten drinnen – Kaffeetrinken bei den Karadžić’. Von der Wand blickt Radovan Karadžić staatsmännisch und mit weißem Schal fast lebensgroß herab. Ein Bild, geschmückt wie ein Altar.

So wenig Luka mit seiner Glatze dem Bruder ähnelt, so sehr sieht man der 86-jährigen Jovanka Karadžić mit ihrem grauen Haar und der markanten Nase an, dass sie die Mutter von Radovan ist. Ihre Finger nesteln ständig an der schwarzen Mütze oder einer Zigarette herum. Ihre Augen sind wachsam, und ihr Ton ist energisch.

Der Verleger berichtet, dass er auf einer Waffenmesse in Belgrad eine neue Kalanischkow der serbischen Armee gesehen habe. "Sie haben die Waffe nach deinem Sohne benannt, sie heißt Radovanka! " Jovanka Karadžić strahlt. Radovan sei in den Herzen aller Serben, ist sie sich sicher, "immer und überall". Wofür klage man ihren Sohn an, will sie wissen? "Warum und wofür? Was hat er ihnen getan? Es ist mein Kind, das Erste, das ich geboren habe. Erstes Kind nennt man nicht umsonst erste Freude – radost, deshalb heißt er Radovan".

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Luka Karadžić holt ein altes Schwarzweißfoto heraus. Es zeigt ihn, den Bruder, und Radovan in jungen Jahren zusammen mit dem Vater. "Die Ausländer haben fünf Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Sie können einfach nicht begreifen, dass die Serben Radovan nie verraten werden. Sie würden gar keinen Serben verraten, geschweige denn solch einen wie Radovan Karadžić. Sie begreifen das nicht. Es gibt kein Geld auf dieser Welt, um diesen Verrat zu begehen." Er bestätigt, dass die Familie Kontakt zu Radovan Karadžić hat. "Ich weiß nicht genau, wo Radovan sich gerade aufhält, aber ich weiß sehr wohl, dass es ihm gut geht. Mein Bruder ist nicht verletzt, wie die Zeitungen zuletzt geschrieben haben. Ich weiß, er passt gut auf sich auf. Radovan wird sich nie freiwillig ergeben und nach Haag gehen. Nicht, weil er Angst hätte. Sondern wegen der Serbischen Republik", sagt er. Luka Karadžić hebt sein Glas und ruft: "Auf ihn – auf Radovan!" Die anderen fallen ein.

Jovanka Karadžić steht auf und geht zu dem großen Foto an der Wand. "Er ist wirklich ein Ausnahmemensch. Ihn kennzeichnet all das, was gut und richtig ist. Und jetzt, was ist passiert? Plötzlich ist er ein Kriegsverbrecher geworden. Er ist bei seinen Leuten, er ist nach Hause gekommen zu seinen Menschen", sagt sie, ohne den Blick abzuwenden.

Honoratioren singen zur Holzfidel Hymnen auf Karadžić

Wenig später biegt Verleger Toholj mit seinem Auto von Niksić aus in die Straße nach Trebinja ein, einer Hochburg der Unterstützer von Karadžić. In dem Hinterraum einer kleinen Kneipe trifft er sich mit dem ehemaligen Bürgermeister, dem Polizeichef und Professoren der Stadt. Sie feiern seinen Besuch bei der Familie. Zu dem traditionellen Spiel der Gusla, der einsaitigen Holzfidel der Serben, singen sie Lieder über Karadžić, Hymnen, die hier jeder kennt. Plötzlich – der Strom fällt aus, alle Lichter erlöschen. "Bruder Radovan. Wir erwarten dich in den schlimmsten Tagen, jeder Serbe erwartet seinen Radovan. Radovan, brauchst du eine persönliche Garde, wir suchen die besten Männer in Trebinja für dich aus!", Männergesang in der Finsternis, gespenstisch.

Pressekonferenz in Sarajevo, der französische und der britische Botschafter sind anwesend sowie Soldaten der SFor und Mitarbeiter aus dem Büro des Hohen Repräsentanten. Auf den blauen Polstersesseln liegen dicke Pressemappen aus. Eine neue Initiative bei der Suche nach Kriegsverbrechern wird präsentiert: eine Telefon-Hotline für Bürger, die Informationen weitergeben wollen. Bosnien werde durch die Hotline ein sicheres Land, betonen die Redner auf dem kleinen Podium. Sie weisen darauf hin, dass die Anrufer keine Gebühren bezahlen müssen.

Schon seit Jahren wirft die SFor aus Hubschraubern Tausende von Fahndungsbriefen über serbischen Gebieten ab und plakatiert die Gesuchten großflächig in den Städten. Im Fernsehen läuft ein Spot, in dem fünf Millionen Dollar Belohnung für die Ergreifung des Kriegsverbrechers ausgelobt werden. Hinweise hat es bis heute keine gegeben. In den letzten Monaten betonen die Verantwortlichen gern, der Ring um Radovan Karadžić ziehe sich immer enger zusammen. Die Realität ist eine andere.

Dies bestätigt auch ein Politiker der Regierungspartei, der nicht genannt sein will. Für ein Gespräch steht er zur Verfügung, allerdings könne das Treffen nur weit außerhalb Banja Lukas stattfinden. Er nennt die Adresse eines Restaurants, weit und breit ist kein anderes Haus zu sehen. Der Mann bestätigt, dass öffentliche Gelder zur Unterstützung Radovan Karadžić’ abgezweigt werden. Enorme Ausgaben, die im Haushalt als "Kosten für Blumen" deklariert werden. Fast alle Geschäftsleute bezahlen nach dieser Darstellung eine "Karadžić-Steuer", rund zehn Prozent ihres Gewinnes sollen die Kaufleute bezahlen.

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Unterdessen sitzt Chefredakteur Želko Kopanja wieder an der Schreibmaschine. In seinem Artikel listet er verschwundene Gelder auf. "Wenn die Internationalen sagen, dass Karadžić keine Unterstützung und Mittel mehr habe, dann lügen sie. Ich erinnere Sie, die gleichen Internationalen machten eine Revision bei der Elektrowirtschaft der Republika Srpska und stellten fest, dass 90 Millionen Euro verschwunden waren. Dann die großen Plünderungen beim Zoll und 100 Millionen Euro, die bei der bosnischen Telefongesellschaft entwendet wurden. Von daher hat Karadžić bestimmt genug Geld. In der Führung seiner alten Partei SDS, die an der Regierung ist, hat er immer noch das Sagen. Sein Einfluss ist absolut ungebrochen."

Kurz und heftig zieht Kopanja an der Zigarette, die zwischen seinen Fingern vor sich hin glimmt. "Die Öffentlichkeit wird nur geblendet. Denn einerseits arbeiten sie jahrelang mit dem Paten von Karadžić, Dragan Kalinić, zusammen, andererseits können die Internationalen Karadžić nicht finden. Es ist klar, dass da andere Interessen im Spiel sind und dass es sich um eine politische Absprache handelt." Als er von der neuen Telefon-Hotline erfährt, lacht Kopanja. Er schüttelt nur den Kopf.

Vier Jeeps der deutschen SFor kämpfen sich durch die Serpentinen Ostbosniens. Immer wieder müssen sie den Schlaglöchern in der staubigen Straße ausweichen. Wenn er Karadžić und seinen Leibwächtern begegnen würde, könne er nur grüßen und weiterfahren, mit den paar Soldaten könne er nichts ausrichten, erzählt ein junger Offizier während der Fahrt.

Der Pressoffizier betont, dafür seien ohnehin die Spezialeinheiten der SFor zuständig. Dann meint er: "Ich kann mir keine schönere Arbeit als Bosnien vorstellen. Nicht nur von seiner Landschaft her, von seiner Kultur, von seinen Menschen, von seinen Ethnien her, die auf einen zugehen, es ist einfach eine wunderschöne Aufgabe, hier zu sein. Ich kann es eigentlich nur jedem empfehlen, sich mal in diesem Land umzusehen." Hinter dem Gesicht des Offiziers ist in der Ferne die Stadt Foča zu sehen.

Foča war einer der ersten Orte, in denen 1992 am Anfang des Krieges Muslime systematisch hingerichtet wurden. Serbische Freischärler trieben sie durch die Stadt. Einige der Opfer wurden an der alten Brücke aufgehängt. Mit dem Kopf nach unten, nachdem sie vorher im direkt daneben liegenden Gefängnis umgebracht worden waren. Das Wasser der Drina färbte sich rot mit dem Blut der Opfer. Andere wurden einfach in die Wälder geführt und erschossen. Bis heute sind viele der Opfer nicht gefunden. Die Morde geschahen unter dem Oberkommando von Radovan Karadžić.

"Hier herrscht immer noch der Karadžić-Kader aus finstersten Zeiten"

Der Mann in der schwarzen Lederjacke ist nervös. Er blickt sich immer wieder um, während er den steilen Kiesweg hinaufgeht. "Wir müssen uns beeilen", sagt er. Oben bleibt er auf einem kleinen Plateau stehen. Foča liegt weit unten im Tal. "Direkt unter unseren Füßen ist ein Massengrab. Dort liegen die Menschen aus Todor-Mahala und anderen Stadtteilen von Foča. Sie sind in den ersten Tagen des Krieges erschossen worden. Sie wurden mit Lkw hierher gebracht. Ich kenne einen der Täter, er hat mit einem Bagger das Grab zugeschüttet." Der hagere Mann spricht leise, so als hätte er selbst hier oben auf dem Hügel Angst, gehört zu werden.

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"Insgesamt gibt es sechs große Massengräber rund um Foča. Kleinere, in denen weniger als zehn Tote liegen, gibt es viel mehr." Dann will er wieder gehen. Er will nicht zu lange auf dem Plateau bleiben. "Foča ist einer der schwierigsten Orte in Bosnien. Hier herrscht immer noch der Karadžić-Kader aus den dunkelsten Zeiten."

Die Luft vibriert. Der Lärm reißt die Bewohner Pales aus dem Schlaf, er breitet sich in den Straßen aus wie eine Flutwelle. Drei amerikanische SFor-Hubschrauber schweben im Februar 2004 dicht über der Stadt. Spezialeinheiten springen aus den Helikoptern. Aufgeregt wedeln die Soldaten mit ihren Maschinenpistolen herum und sperren die Straßen ab. Sie sind auf der Suche nach Karadžić. Ungefähr alle sechs Monate finden solche Aktionen in der ehemaligen Hauptstadt des Gesuchten statt. Wie so oft sind auch heute abend Fernsehkameras dabei. Und wie immer finden die Spezialeinheiten keine Spur von Radovan Karadžić. Dabei hätte es noch vor kurzem so einfach sein können, den gesuchten Kriegsverbrecher festzunehmen.

Der SFor lagen wieder genaue Informationen über sein Versteck vor, wie schon damals im Jahre 2002. Der frühere Geheimdienstmann Mohammed Ajanović, der Karadžić schon einmal aufgespürt hatte, bittet dringend um ein Treffen. Wieder hat er eine Spur, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Karadžić führt. "Wir haben unserem Chef Raymond Carter gesagt, dass wir wissen, wo Karadžić ist. In unserem Beisein hat er seinen Chef Patrick Lopez-Terrez in Den Haag angerufen, den er jedoch nicht erreichte. So war Raymond Carter gezwungen, Carla Del Ponte direkt anzusprechen. Er sagte ihr: Wir wissen, dass sich Radovan Karadžić in einem kleinen Dorf versteckt. Er bat sie um Hilfe. Del Ponte sagte, dass Raymond Carter dringend in die SFor-Basis gehen müsse, um ihnen diese Informationen mitzuteilen. Wir haben das auch gemacht. Sie gaben unserem Chef Carter Satellitenfotos des Dorfes. Aber das war das Einzige, was wir als Antwort bekamen."

Auf den Satellitenbildern war die Gegend um das Versteck von Karadžić zu sehen. Die SFor hatte jetzt genaue Informationen über den Aufenthaltsort des meistgesuchten Mannes Europas. Aber sie versuchte nicht, ihn festzunehmen. "Sie stellten uns nur Fragen wie: ›Wie viele Zimmer hat das Haus, in welchem sich Radovan Karadžić befindet? Gibt es eine Straße, die zu diesem Dorf führt? Wie lange bleibt er dort?‹ Ich meine, Fragen, auf die man überhaupt nicht antworten kann, solange man nicht mit ihm selbst dort zusammenlebt. Ernst zu nehmende Aktionen von SFor haben nicht stattgefunden. Nicht ein einziger Soldat hat sich dem Dorf genähert."

Der amerikanische Botschafter nimmt die SFor-Truppen in Schutz

Ist es möglich, dass Karadžić’ Versteck bekannt war und niemand den Versuch unternahm, ihn festzunehmen? Der britische Botschafter Ian Cliff bestreitet zunächst den Vorgang. Nein, das sei nicht wahr, sie wüssten nicht, wo Karadžić sei, sagt er. Doch als er mit dem genauen Hergang der Ereignisse konfrontiert wird, muss er zugeben, dass sie sehr wohl stattgefunden haben. "Ja, ich habe Berichte darüber gelesen, aber ich kann das nicht kommentieren."

Der amerikanische Botschafter Clifford Bond will zu den konkreten Vorwürfen ebenfalls nicht Stellung nehmen. Stattdessen beharrt er darauf, dass die SFor alles tue, was in ihrer Macht stehe. "Sie müssen mit diesen Männern über ihre Information sprechen. Ich kann Ihnen nur sagen: Ich bin voller Vertrauen, wenn die SFor Informationen hat, wird sie agieren. Und sie hat ja gehandelt, erst kürzlich in Pale."

Die Freiheit eines Mörders – Seite 10

Fünf Jahre lang hat er sich nicht getraut, diese Fotos anzusehen. Chefredakteur ◊elko Kopanja schaut auf den Stoß von Bildern, der vor ihm auf dem kleinen Glastisch liegt. Dann nimmt er eines heraus und betrachtet es lange. Die Schnappschüsse zeigen Kopanja vor seinem Unfall. Mit gesunden Beinen. Er durchwandert sein Leben bis zum Attentat: seine Jugend, seine Hochzeit und die Geburt der Tochter. Minutenlang sagt er kein Wort, seine Augen glänzen. Dann schmeißt er die Bilder mit einem Ruck wieder auf den Tisch. Es sei genug.

Nach einer Pause erzählt er, wegen der Bedeutung des Falles sei das FBI aufgefordert worden, das Attentat auf ihn zu untersuchen. Ein amerikanischer Agent habe ihm den Namen des Mannes genannt, der die Bombe unter sein Auto gelegt habe. Der Attentäter wohne wie er in Banja Luka und arbeite für die Staatssicherheit. "Die Tatsache, dass dieser Mann, der mein Leben zerstört hat, hier in der gleichen Stadt ist, macht mir keine Angst. Denn wenn ich aufgebe, hat er gewonnen. Und ich selbst kann nicht aufgeben. Was für einen Sinn hätte das Leben, wenn es keine Hoffnung mehr gibt, die Kriegsverbrecher eines Tages zur Verantwortung zu ziehen und sie vor einem Gericht zu sehen?"

Die Kämpfe in Bosnien sind lange vorüber. Radovan Karadžić ist bis heute ein freier Mann. Im Krieg lagen die Leben Tausender Menschen in seinen Händen. Sie starben, weil er es wollte. Und weil er überzeugt war, dass niemand ihn je zur Verantwortung ziehen würde. Rückblickend betrachtet, hatte Karadžić damit offenbar bis heute Recht. "Das Tribunal von Haag ist passé, le tribunal à La Haye est passé".

Zum gleichen Thema: WDR Fernsehen, 20.9.04, 22.30 Uhr: "Die Jagd – Wird der Kriegsverbrecher Karadžić wirklich gesucht?" Ein Film von Marc Wiese