Es soll ein Niemandsland sein, rechtlich, menschlich, moralisch. Bewohnt von Niemandsgestalten, ohne Rechte, Gesichter, Namen, von denen kein Bild existiert, außer den Niemandsbildern verpackter, orangerot vermummter, grotesk verschnürter Figuren, Büßergestalten, nach denen niemand fragen soll, weil ihre von GIs bewachte Buße klein erscheint, verglichen mit der Bösartigkeit, die sich am 11.9. 2001 entlud. Entsprechend undeutlich sind die Bilder, die an die Öffentlichkeit gelangen.

Und jetzt das! Jetzt steht Guantánamo plötzlich auf dem Umschlag eines deutschen Romans, der, darüber lässt schon die erste Seite nicht den mindesten Zweifel, beansprucht, uns mitten hineinzuführen in das Gefangenenlager, mehr noch, mitten hinein in die Qual und die geheimsten Regungen eines der Häftlinge.

Kein Wunder, dass Dorothea Dieckmann, die sich bislang als Autorin und Kritikerin verlässlich in vornehmlich deutschen Literaturgefilden bewegte, damit widerstreitende Reaktionen auslöst. Ist das ein Scoop, eine Sensation, wie es ein journalistischer Blick in die Kerker der Globalmacht fraglos wäre? Ist das engagierte Literatur erster Güte, ein Kunstwerk der Einfühlungskraft aus dem Geist der Menschenrechte? Oder ist das nicht Anmaßung, wenn jemand, so fürsorglich aktuell, die Geschichte anderer Menschen erfindet, bevor diese selbst eine Chance haben, sich zu äußern? Solche Fragen begleiten die Lektüre von Dorothea Dieckmanns Roman von Anfang an. Der Text jedoch tut so, als gäbe es sie gar nicht.

"Jeder Blick tut weh. Der gebeugte Rücken, die schiefen Wirbel, die gedehnten Muskeln. Der Rumpf ist eingeknickt, die angewinkelten Ellenbogen sind in die Leisten gepresst, die Handgelenke im Schoß aneinandergeschweißt." So ergeht es Rashid, der von Hamburg zur Familie nach Indien fährt und aus Unternehmungslust weiter nach Pakistan, wo die US-Armee beschließt, ihn als Taliban-Kämpfer gefangen zu setzen.

Der Roman über das Isolationscamp ist ein Isolationstext geworden. Wie eine, die auszog, das Fürchten zu lernen (und zu lehren), hat Dorothea Dieckmann ihr Erzählen ganz in die reduzierte Perspektive ihres Helden eingeschlossen. Und rein erzähltechnisch betrachtet, hat sie dabei einen glänzenden Text fabriziert. Es gibt einiges zu staunen, wie einfalls- und nuancenreich, wie makroskopisch genau hier das Innenleben der Gefangenenqual erforscht wird; in welch treibendem Rhythmus die Sätze Schlag auf Schlag den Gefangenen in seine Einzelteile zerlegen, um dem geringsten Empfindungsdetail die literarische Ehre zu erweisen; wie die Entmenschlichung Rashids durch seine Wächter ausbuchstabiert wird, damit wir begreifen, dass hier nicht einfach ein Mensch leidet, sondern jede seiner Körperfasern, jede Sehne, jeder Knochen. Das ist glänzend herauspräpariert. Gerade deshalb aber sieht das weniger nach humanistischer Emphase aus. Sondern eher nach dem Einzug des Hagenschen Geistes der Plastinierung in die Literatur.

"Guantánamo ist eine Erfindung", erklärt die Autorin vorsorglich in einer Vorbemerkung. Sie betont, sie habe sich bis ins Detail auf Fakten stützen können. Sie konzediert, dass sie sich das Innere des Gefangenen nur aus dem eigenen Inneren zusammenfantasieren konnte. Solch erzählerische Vorgehensweise ist ja durchaus geläufig, um nicht zu sagen: allzu üblich. Wenn aber, wie in diesem Fall, in direkter Konkurrenz zu einer andauernden, nicht abgeschlossenen Wirklichkeit geschrieben wird, dann ist es unmöglich, sich auf derartig schlichte literarische Konventionen zu beschränken.

Was soll denn die Neuerfindung eines wirklichen Geschehens, wenn dabei alle Probleme unterschlagen werden, die wir als Zeitgenossen mit dieser Wirklichkeit haben? Was heißt schon Fakten, wenn es um mediengenerierte Infomationen geht? Wie viel Verlass ist auf das "eigene Innere", wenn es Auskunft geben soll über die extremen Erfahrungen eines ganz anderen "Inneren"? All das kommt im Roman überhaupt nicht vor. Stattdessen betätigt sich Dieckmann wacker als allwissende Erzählerin. Ausgerechnet bei einem so prekären Stoff! Als hätte es an dieser Erzählhaltung nie Zweifel gegeben.

Das ist nur der halbe Missstand. Der auf den ersten Blick so dichte, gekonnte Text selbst bekommt schnell etwas Zwielichtiges. Gewiss war es ein schriftstellerisches Exerzitium, all diese Einzelheiten von Einschließung und Schmerz imaginativ aus sich hervorzuholen. Umso merkwürdiger mutet es an, wie schnell der Eindruck äußerster Beschreibungsintensität zerfällt. Ohne die geringste Irritation durchgezogen, kippt der drängende Stil um ins Virtuosenstück, in Manier und Masche. Schließlich verwandelt die beinharte erzählerische Selbstgewissheit den Text in eine hohl klappernde Litanei.