Der Satz soll auf keinen Fall ironisch klingen. Ich habe ihn geübt, zu Hause vor dem Spiegel, mit verschiedenen Betonungen, mal auf "möchte", mal auf "SPD". Man soll mir glauben, dass ich es ernst meine. "Ich möchte in die SPD eintreten!"

Als ich vor dem Pförtner stehe, verschlucke ich aus Versehen das "in", sage: "Ich möchte die SPD eintreten." Er sagt: "Warten Sie, ich hole jemanden, der Ihnen hilft." Dann greift er zum Hörer. Er wirkte nicht überrascht.

Es ist der 16. Oktober 2003, der Tag, an dem ich mich aufmache, die Gesellschaft zu verändern. Ein windstiller Tag. Die rote Fahne auf dem Dach des Willy-Brandt-Hauses hat sich schlaff um den Mast gewickelt.

Ein junger Mann in Jeans und Pullover kommt die Treppe herunter. "Du brauchst Hilfe?", fragt er.

"Ich möchte, ähm, Mitglied werden", sage ich. "Schön", sagt er, "wir freuen uns über jedes neue Mitglied."

Er sagt auch: Dass er noch nicht erlebt habe, dass deswegen jemand extra ins Willy-Brandt-Haus kommt. Die meisten kämen, um ihnen das Parteibuch vor die Füße zu werfen. Was für eine wunderbare Partei die SPD sei, die beste und älteste, wie richtig meine Entscheidung sei und dass ich sie nicht bereuen werde – all das sagt er nicht. Er sagt, dass er nicht einverstanden sei mit der kurzsichtigen Politik der Regierung, die ihre Entscheidungen nach der Medienresonanz fälle und für die das Parteiprogramm keine Rolle spiele. Er sagt, die Arbeitskreise seien oft sehr dröge, und selbst die zehnte Wiederholung irgendeines Films im Fernsehen sei spannender. Und er sagt: Die Jungen würden von den Alten oft ausgebremst.

Ich fülle die Beitrittserklärung aus. In ungefähr drei Wochen, sagt er, würde ich Post bekommen. Er gibt mir seine Karte.

Die Erkenntnis: Man ist schneller Mitglied einer Partei als einer Videothek.