Anders als die meisten akademischen Theoretiker des Postkolonialismus, die ihren Gegenstand eher aus Büchern als aus eigener Anschauung kennen, ist Hans Christoph Buch tatsächlich in der Dritten Welt herumgekommen. Deshalb darf er sich das Urteil erlauben, dass die desaströsen ökonomischen und politischen Zustände in großen Teilen Afrikas und Lateinamerikas, von den Menschenrechten zu schweigen, nicht allein und ausschließlich auf das Konto der alten europäischen Kolonialmächte gehen, sondern in erheblichem Ausmaß "hausgemacht" sind. Wenn man an das blutige Wirken afrikanischer Potentaten wie Idi Amin (Uganda), Samuel Doe (Liberia) und Mobutu Sese Seko (damals Zaire) oder karibischer Diktatoren wie Jean-Bertrand Aristide (Haiti) denkt, ahnt man, was Buch meint.

Mit naiver europäischer Selbstanklage ist es nicht getan

Dabei ist er natürlich weit davon entfernt, Hinterlassenschaft und Folgen des Kolonialismus für die betroffenen Länder sowie den interessierten politischen, ökonomischen und, wenn’s sein muss, militärischen Interventionismus des reichen Nordens herunterzuspielen. Wer wie der Autor Joseph Conrads Herz der Finsternis und Adam Hochschilds Schatten über dem Kongo kennt und außerdem "vor Ort" war, verspürt wenig Neigung, das schlechte Gewissen von Europäern und Amerikanern zu beruhigen. Aber einer bestimmten linken Naivität, deren Kritik des Eurozentrismus nicht grell und anklägerisch genug ausfallen kann, schreibt er ein paar unangenehme Dinge ins Stammbuch, die zur Kenntnis genommen werden müssten. So weist Buch unter anderem darauf hin, dass lange vor der Ankunft der Europäer arabische Menschenhändler Schwarzafrikaner "wie Tiere jagten" und als Sklaven verkauften und dass einheimische Stammesfürsten die eigenen Untertanen zu Spottpreisen verhökerten – in seinem Buch Ach, Afrika spricht Bartholomäus Grill ohne Beschönigung von "schwarzer Apartheid". Oder darauf, dass der westafrikanische Staat Liberia, dessen Hauptstadt Monrovia nach einem amerikanischen Präsidenten benannt ist, nie Kolonie war und dennoch seit Jahren von blutigen Bürgerkriegen und Massakern heimgesucht wird. Auch der Völkermord in Ruanda, dem 1994 Hunderttausende Tutsi zum Opfer fielen, sei schwerlich dem Westen anzulasten (allenfalls, dass er ungerührt dabei zuschaute). Zu denken gibt auch Buchs beiläufige Bemerkung, dass der europäische Kolonialismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einherging mit der Bekämpfung des Sklavenhandels, wie halbherzig auch immer: Schon englische Philanthropen des 18. Jahrhunderts und die Französische Revolution ächteten die Sklaverei, und die USA führten einen verlustreichen Bürgerkrieg um ihre Abschaffung.

Das Hauptübel Afrikas ist der Tribalismus, das heißt die Vorherrschaft des Stammesdenkens, im Verein mit Korruption und Brutalität, die jeder erfolgreichen Staatenbildung im Wege stehen. Dieses Urteil stammt, wohlgemerkt, von dem afrikanischen Intellektuellen Ahmadou Kourouma, der es als beliebten Trick bezeichnet, alle Katastrophen und Missstände auf den europäischen Kolonialismus abzuwälzen und so von der Eigenverantwortung der Afrikaner abzulenken. Es ist nicht zuletzt Buchs Verdienst, hierzulande ein realistisches Porträt des geplagten afrikanischen Kontinents zu lancieren – jenseits monotoner europäischer Selbstbezichtigung, aber auch jenseits wohlfeiler europäischer Selbstüberhebung.

Buchs Reiseberichte von den Bananenrepubliken dieser Erde, zu denen heute auch ein ehemals prosperierendes Land wie Argentinien zählt, erinnern in ihren besten, eindringlichsten Passagen an die meisterhaften Reportagen des polnischen Schriftstellers Ryszard Kapuscinski. Was sie auszeichnet, ist die Fähigkeit des Autors, Widersprüche und Ambivalenzen stehen zu lassen, statt sie in einem eindeutigen Urteil aufzulösen. Buch berichtet, was er sieht und hört, und dass ihn dabei Literaten – Alexander von Humboldt, Jorge Luis Borges, Graham Greene und Bruce Chatwin etwa – begleiten, ist der Anschaulichkeit und Reflexivität seiner Beobachtungen nur förderlich. Hans-Martin Lohmann

Hans Christoph Buch: Standort Bananenrepublik