New York

Wer gehört werden will in der Kakofonie New Yorks, der muss schon starke Worte finden. Darum plustert sich ein kleiner Mann gehörig auf, reckt sein Kinn zum Mikrofon hoch und ruft: "Wir müssen sicherstellen, dass diese Partei nicht von der radikalen Rechten gekapert wird." Das ist nach dem Geschmack der Menge. Sie johlt und klatscht und will noch mehr hören. Nein, nicht gegen George Bush und den Parteitag seiner Republikaner wird hier demonstriert. Die schönsten Beleidigungen fallen bei Amerikas Republikanern in den eigenen Reihen. Ort der Handlung ist ein feines Restaurant in Manhattan. Geladen sind allein Parteimitglieder, und gekommen sind überwiegend jüngere Männer. Sie tragen die Uniform der Konservativen, den dunkelblauen Bankiersanzug. Es spricht der Geschäftsführer der Log Cabin Republicans, der Vereinigung homosexueller Republikaner. Seine Partei sieht er "am Abgrund".

Denn George Bush will die Verfassung ändern, um das Vordringen der gleichgeschlechtlichen Ehe auf amerikanischem Boden zu stoppen. Seitdem befinden sich die schwulen Rechten im Aufstand. Sie schalten TV-Anzeigen gegen den eigenen Präsidenten. Der Wahlkonvent ist ihnen Bühne. Sie wollen die Partei "von innen verändern", auch wenn nur 50 Delegierte offen homosexuell sind. Sie unterstützen den moderaten Flügel der Partei, New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg etwa oder den Kalifornier Arnold Schwarzenegger. Beide loben den Präsidenten pflichtgemäß – sobald im Madison Square Garden die Kameras laufen.

Doch hinter den Kulissen spielt sich ein komplizierteres Spektakel ab. Der Parteitag ist Event und Forum zugleich. Man feiert, und man streitet. Darum stellt sich Michael Bloomberg neben den Log-Cabin-Chef und sagt: "Niemand sollte die Verfassung missbrauchen, um einen Keil zwischen Amerikaner zu treiben." Eine direkte Attacke auf jenen Präsidenten, für dessen Wiederwahl Bloomberg ansonsten vor jeder Kamera wirbt.

Von seinen Texanern muss George Bush keine Widerworte fürchten. Da sitzt das Herz am rechten Fleck, und wenn sich die Delegierten zum Frühstück im Ballsaal des Hilton-Hotels versammeln, beginnt eine Folklore-Aufführung. Manche tragen Cowboyhüte und Westernstiefel. Die Damen hüllen sich in feinere Reitwesten oder Sternenbanner-Kostümchen. Vor dem ersten Bissen erhebt sich die Versammlung und spricht das Flaggengelöbnis, erst auf Amerika, dann auf Texas. Danach segnet ein Pfarrer Essen, Soldaten und Präsidenten.

Weil ein Delegierter keine Zeit zu verlieren hat, wird sogar das Frühstück durch eine Rede verkürzt. Diesmal tritt Rick Perry auf, Bushs Nachfolger im Amt des Gouverneurs. Dieser Perry muss einen goldenen Landstrich regieren. So viel Glück, so viel Arbeit, so viel Reichtum überall: "Niemand exportiert so viel wie wir, und niemand gewinnt so viel Olympiagold." Dieses kraftstrotzende XXL-Texas ist, dem Gouverneur zufolge, "ein Modell". Was in Texas geschieht, "kann in ganz Amerika geschehen, aber nur…" – Perry hält inne und lässt die Pause wirken – "…aber nur, wenn George Bush gewählt wird und nicht dieser Massachusetts-Linke." Die Versammlung springt auf, eine stehende Ovation. Vielleicht hilft das der Verdauung. Alle rufen: "Noch vier Jahre! Noch vier Jahre!" So ein Machismo fühlt sich unschlagbar.

Den Gouverneur löst ein Cowboy-Impresario am Podium ab. Er gibt die Benimmregel aus. "Ziehen Sie während der Hauptsendezeit die Hemden aus ihrem Ausrüstungspaket an. Wir wollen alle gleich aussehen. Bringen Sie Ihre Cowboyhüte mit. So kriegen wir mehr Sendezeit. Bitte denken Sie daran: Hut ab, sobald die Hymne gespielt wird. Wenn Sie fünf Minuten weg sind, besetzen wir Ihren Platz neu. Im Fernsehen sollen keine freien Sitze zu sehen sein. Verstanden?"

Zum Schluss tritt noch einmal der Pastor zum Gebet vor: "Unser Präsident sagt, dass wir uns in einem spirituellen Krieg befinden, in einem Krieg gegen das Böse. Die Waffen der anderen Seite haben wir nicht, aber wir können beten. Und der Herr wird uns mit seiner Rüstung schützen. Amen." Vor dem Hotel wartet der Bus.