Glasklare Knabenstimmen, die sich ins Entrückte schrauben. Knirpse, die in musikalischer Hingabe ihr verkorkstes Leben eine Weile vergessen. Das zerrt am Gemüt, und selbst der Chorleiter erträgt die Wucht der Emotionen, diese Mischung aus Reinheit und Trostlosigkeit nicht immer. Bei manchem hohen C muss er sich abwenden, bevor er seinen Zöglingen den Takt wieder vorgeben kann. Es sind seine eigenen Kompositionen, die der Chor der Verstoßenen in diesen Momenten lebendig und bedeutend werden lässt. Deswegen sind die Taten des Lehrers Clément Mathieu (Gérard Jugnot), mit denen er eine Horde Schwererziehbarer aus den Mühlen des Internatlebens lockt, nicht ganz uneigennützig. Denn mit jedem Takt entlohnt ein Stück Selbstgenuss die Erziehermühen um die widerspenstigen Knabenseelen. Am Ende muss der Pädagoge, der dem Direktor zu modern und menschlich war, gehen. Die kasernierten Jungen singen ihm zum Abschied hinterher. Kein Starkomponist könnte sich einen besseren Abgang vorstellen. Christophe Barratiers Film Die Kinder des Monsieur Mathieu spielt im Jahr 1949 und hat in Frankreich mehr als sechs Millionen Zuschauer gehabt. Die Rührung, die Barratier erzeugt, bleibt aber zweifelhaft. Nicht nur, weil sie allzu sehr von Musik abhängt, sondern auch, weil sie bei aller Sorge um die weggeschlossenen Kinder die erotischen Motive ergriffener Erwachsener zu vertuschen sucht. Einer, der sich damit bestens auskennt, Pedro Almodóvar, wird in seinem in Cannes zu Recht gefeierten La mala education (deutscher Kinostart: 30. September) zu ähnlicher Thematik bald echtere Töne anschlagen.