Man rief ihn an … und hörte am anderen Ende der Leitung ein gepresstes, atemloses, abgehacktes ›Hallo‹… Es wurde in drängendem Ton wiederholt, als müsse der Gesprächspartner zum Zuhören aufgefordert werden, als gelte es festzustellen, ob er noch da sei, ob die Leitung nicht unterbrochen, im Netz keine Störung aufgetreten sei. Dieser Autor … geriet in panische Angstzustände, sobald er sich irgendeinem Kommunikationsmittel gegenübersah. Da war diese Angst, nicht verstanden, nicht gehört oder plötzlich unterbrochen zu werden."

Panische Angst vor Kommunikationsstörungen beim Gebrauch so genannter Kommunikationsmittel ist nichts Ungewöhnliches. Doch wenn ausgerechnet der Philosoph, der wie kein anderer Denker des 20. Jahrhunderts die "Andersheit" (altérité) des Anderen, die unaufhebbare Asymmetrie und Asynchronisiertheit der Beziehung zu ihm, seine paradoxe anwesende Abwesenheit in der "Spur" betont hat, der in dieser Angst, vielleicht aus ihr lebt, dann ist das vorab seine Spur: das Bewusstsein, in einer brüchigen Situation zu sein. Auf gefährdetem Grund zu stehen.

Salomon Malka, französischer Essayist und Journalist, seit seinem 17. Lebensjahr als Schüler der École Normale Israélite Orientale mit deren Direktor Emmanuel Lévinas vertraut, erzählt davon in einem der sehr persönlichen Texte, die er zwischen die Kapitel seines Buches eingestreut hat. Und er fügt noch eine andere charakteristische Spur hinzu: Lévinas war außerstande, seine Vorlesungen und Vorträge zu beginnen, wenn er sich nicht zuvor der Anwesenheit seiner Frau Raissa vergewissert hatte. "Wo ist sie? Ah, da ist sie!" Die Rückversicherung der Nähe als Balancierung der "Andersheit".

Hier wird keineswegs Psychologie betrieben

Malkas Buch Emmanuel Lévinas wird als erste auf Deutsch erschienene Biografie über einen der in der Tat "bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts" annonciert. In der französischen Originalausgabe lautet der Titel zutreffender: La vie et la trace, das Leben und die Spur . Ansprüchen, die an eine Biografie zu stellen wären, wird das Buch denn auch nur bedingt gerecht – will es gar nicht gerecht werden. Es wird nicht die Geschichte eines Lebens erzählt, Entwicklungsgeschichte, gar Psychologie überhaupt nicht angestrebt.

Ein chronologisches Kontinuum, richtiger: Diskontinuum, ist allein für die erste Lebenshälfte erkennbar. Die akademische Lehrtätigkeit des arrivierten Lévinas in Poitiers, Nanterre und an der Sorbonne wird nur episodisch gestreift. Der Zusammenhang von Leben und Werk scheint immer wieder auf, wird aber nicht systematisch verfolgt. Lévinas’ große Bücher mit ihren suggestiv anziehenden und rätselhaften, "Alterität" signalisierenden Titeln (Die Zeit und der Andere, 1947; Totalität und Unendlichkeit. Essay über die Exteriorität, 1961; Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, 1974; Wenn Gott ins Denken einfällt, 1982) werden nicht im Einzelnen thematisiert. Malka beschränkt sich auf die Spur dieses Lebens.

Gerade das mag man indessen für eine Lévinas-Darstellung als angemessen empfinden. Malka nähert sich dem Anderen, der Lévinas hier selber ist – nicht der "Nächste" und noch weniger der "Gegenstand" einer Biografie –, mit der Behutsamkeit des verehrenden, doch nicht idolatrischen Schülers. Er konzentriert sich auf "Orte" und "Gesichter".

Die Orte, das sind: das litauische Kaunas, die Stadt der jüdischen Herkunft, wo er 1906 geboren wurde; Straßburg, Ort der ersten philosophischen Studien des 17-Jährigen bis zu der Promotion über Die Theorie der Anschauung in der Phänomenologie Husserls und der Übersetzung von Husserls Cartesianischen Meditationen, 20 Jahre, bevor diese erstmals auf Deutsch erscheinen – beides wird für die französische Rezeption der Phänomenologie zentral; zwischenzeitlich, im Studienjahr 1928/9, der Aufenthalt in Freiburg, die persönliche Begegnung mit Husserl und Heidegger, dessen Ontologie ohne Ethik Lévinas für Heideggers nationalsozialistischen "Sündenfall" verantwortlich macht; 1929 das Zwischenspiel auf dem Davoser Zauberberg, wo Lévinas der Konfrontation zwischen Cassirer und Heidegger beiwohnt; der Stalag XI B, das Stammlager für französische Kriegsgefangene im niedersächsischen Fallingbostel, das für fünf Jahre zum Ort des Schreckens und, nicht weit von Bergen-Belsen, zum Überlebensort wird; schließlich Paris, wo der Exilant Lévinas 1932 eingebürgert wird und wohin er nach der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt.