Ein Haus der Freiheit sollte es werden, ein Wahr- und Wunderzeichen. Aller Welt sollte es kundtun, dass sich die Schotten von England losgemacht haben. Dass sie eigenständig waren und es ein wenig auch wieder sind seit 1997. Doch anstelle von Stolz nun das: Wut und Klagen und Selbstzweifel. Der Bau ist teurer geworden, sehr viel teurer. Aus den geplanten 40 Millionen Pfund wurden 440, und natürlich, nun pocht der Kostenschmerz. Alle spielen blame game, reden übers Geld – und die Architektur ist ihnen gleichgültig. Kommende Woche allerdings treffen sich die Parlamentarier zu ihrer ersten Sitzung im neuen Haus. Und das wird alles ändern. Sie werden den Reizen dieses Baus nicht widerstehen können. Schließlich sind’s die Reize Schottlands.

Eigentlich ist es ja ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sollte ein Land in ein Haus passen? Wie könnte Architektur das Wesen eines Volks einfangen? Doch ist dies Kunststück hier geglückt. Nicht durch platte Symbolik, durch Dudelsäcke aus Beton, schottisch-kariert. Auch nicht durch pathetische Gesten und hohe Zeichen. Stattdessen greift der katalanische Architekt Enric Miralles etwas von der kaledonischen Eigenart auf und trägt es hinein in seine Architektur, die eigensinnig ist und eigenbrötlerisch. Sie will sich nicht festlegen lassen auf eine verbindliche Identität. Sie verweigert ein fotogenes Gesicht, ein klares Hinten und Vorn. Sie windet und zerstreut sich in lauter kleine Baukörper, die einander ähneln, ohne sich in ein geschlossenes Ganzes zu fügen.

Wenn man so will, hat Miralles (gemeinsam mit dem Büro RMJM) eine Stadt gebaut. Eine Stadt, die Edinburgh mit ihren wynds und closes nicht unähnlich ist, mal eng und geheimnisvoll, dann von abrupter Weite, die den Blick freigibt bis hinüber zum Meer. Ganz unspektakulär gliedert sich der Parlamentsbau ins Alltägliche ein, erhebt sich nicht über die Stadt, sondern folgt ihrem Muster, zumindest mit jenem Flügel, in dem die Abgeordneten ihre Büros haben. Dahinter allerdings, in den Sphären des Plenarsaals und der Kommissionsräume, löst sich das Städtische auf, es beginnt ein scharfkantiges Geschiebe, manches knirscht, anderes gleitet. Aus schottischer Stadt, so meint man, wird schottische Landschaft.

Sie war es, die Miralles am meisten beeindruckte. Gleich hinter dem Parlament springt sie auf, als steiler Hang, in den sich der Ginster krallt, darüber der nackte, zerfurchte Fels, schräg gen Himmel treibend. Das Zerpeitschte der schottischen Natur, das Karge und Rohe, der starke Wechsel der Temperamente und Temperaturen, all das steckt in dieser Architektur, die den Umschwung zum Prinzip macht. Von außen herb und granitglatt, puritanisch fast, entwickelt sie im Inneren ein furioses Spiel der Kontraste.

Für den Besucher beginnt alles im Geduckten, unter den drei flachen Gewölben der Eingangshalle, lastend, aus dunklem Beton – es ist ein Sammlungsraum, Unterbau der Demokratie, unverrückbar, von der heiligen Stimmung einer Krypta. Gleich darüber der Plenarsaal aus Holz und Glas, warm und licht. Kaum merklich sind hier die Abgeordneten von den Besuchern getrennt, alle sitzen im selben Halbrund, dicht beieinander und überfangen von einem Himmel aus Stahl und Holz, einem verwirrenden Streben und Strecken, Heben und Halten. Komplex ist diese Konstruktion, überkandidelt. Vielleicht aber auch nur das dreidimensionale Diagramm des Regierens in Zeiten der EU-Erweiterung. Es funktioniert, aber niemand weiß, wie und weshalb.

Die eindrücklichsten Räume des Baus liegen indes jenseits der Öffentlichkeit. Die Zimmer der Abgeordneten etwa, schmale Kemenaten, flach überwölbt, mit völlig irr geschnittenen Fenstern. Erker sind es, in denen man sitzen, nachdenken, in den Schottlandhimmel hinaufschauen kann. Orte des Rückzugs hat Miralles geschaffen, eine Möglichkeit, sich jenseits politischer Strategiespiele aufs eigene Wollen zu besinnen. Allerdings dringt durch die Fensternischen nur wenig Licht in die mönchischen Kammern, und so wird manch Abgeordneter froh sein zu entweichen, in die luftigen Kommissionssäle zum Beispiel.

Selbst Edinburghs große Geschichte der Aufklärung wird wiederbelebt

Es sind Räume, die keiner vertrauten Logik folgen, alles Vorschriftsmäßige löst sich auf in Heiterkeit. Die Strenge des rechten Winkels weicht einem Wogen, und in barocker Lust strudelt manche Decke empor, als wollte sie Raum schaffen für das Unausdenkliche. Dazwischen Fenster, die den Blick hinauslenken auf das Ungezügelte der Landschaft. Hier, in diesen Sälen, so denkt man, beginnt jede Tagesordnung zu tanzen.