Kabul

Wann, wo und wie die Taliban vor dem Wahltag am 9. Oktober zuschlagen würden, konnte keiner wissen. Aber dass sie es tun würden, hatten wohl alle Kabulis in den brütenden Tagen der Sommerneige nervös gefasst erwartet.

Oft genug hatten die Fundamentalisten angekündigt, den Terror wieder in die Hauptstadt zu bringen. Vierzig Tage vor der Präsidentenwahl, am vergangenen Sonntag, war es so weit: Im Geschäftsviertel Schar-i-Nau explodierte spätnachmittags in der chaotischen Hauptverkehrszeit eine ferngesteuerte Autobombe, die sieben Menschen in den Tod riss und mehr als ein Dutzend verletzte. Der Gegenstand des Anschlags war präzise gewählt: Das schwer bewachte Bürogebäude der US-Sicherheitsfirma Dyncorp, welche die Bodyguards von Hamid Karsai stellt, Präsident und Wunschkandidat der internationalen Gemeinschaft.

Zwei Sprecher der im November 2001 von einer US-geführten Kriegskoalition vertriebenen Taliban reklamierten die Tat sofort für sich. Einer von ihnen, Mullah Daudullah, "der Einbeinige", gehört angeblich zum zehnköpfigen Exekutivrat des untergetauchten Talibanchefs Mullah Omar und soll einer seiner drei Militärführer sein. Selbst im Schreckensregime der Fundamentalisten war er wegen seiner Grausamkeit verhasst.

Unter Sicherheitsexperten mit und ohne Uniform, in- und außerhalb von Afghanistan, war es schon seit Monaten ein offenes Geheimnis: Die Taliban sind wieder da. Stark wie zuvor, womöglich noch besser bewaffnet. Gut verdrahtet mit dem Netzwerk der al-Qaida wie mit der Guerilla des zuvor verfeindeten Paschtunenführers Hekmatyar. Am aktivsten sind sie in den Grenzprovinzen, wo die schwache afghanische Interimsregierung am wenigsten Macht hat; doch die Geheimdienste scheinen überzeugt, dass sie sich auch im Rest des Landes fast ungehindert bewegen können. Ihr bevorzugtes Instrument ist die funkgesteuerte Bombe. Ihre Strategie ist es, die Bevölkerung zu verunsichern, und ihr Ziel, die Wahlen zu verhindern oder zumindest empfindlich zu stören.

Panzer röhren durch Kabuls Straßen, Hubschrauber knattern. Das nervt

1000 Menschen hat der Terror im vergangenen Jahr das Leben gekostet, die Zahl war in den letzten Monaten deutlich angestiegen. Viele internationale Organisationen, das UN-Flüchtlingshilfswerk und das Internationale Rote-Kreuz-Komitee darunter, haben sich nach tödlichen Angriffen aus den no-go zones im Süden und Südosten zurückgezogen; die Hilfsorganisation Médécins Sans Frontières verließ nach den Morden an fünf Mitarbeitern sogar das Land. Die Hauptstadt Kabul aber war bisher verschont geblieben – die letzte Autobombe, mit mehr als zwei Dutzend Toten, explodierte vor knapp zwei Jahren.

Viel kann die geballte Militärmacht des Westens vor Ort nicht gegen die Eskalation des Terrors tun; noch weniger vermögen die afghanischen Autoritäten. Im südlichen Grenzgürtel jagen US-Truppen die Fundamentalisten. Obwohl die Soldaten inzwischen reorganisiert, straffer geführt und mit knapp 20000 fast verdoppelt worden sind (eine stille Lehre aus vergangenen Versäumnissen), können sie kaum mehr, als Stück für Stück die Nester auszuheben – bei unbegrenztem Nachschub aus den unwegbaren pakistanischen Stammesgebieten.