Hubert Weiger ist agrarpolitischer Sprecher beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. In einem beeindruckenden Zeitungsbeitrag hat er das sture, uneinsichtige Verhalten einzelner Bundesländer beklagt. Vor allem Bayern und Baden-Württemberg sabotierten mit allen Kräften die Einführung einer einheitlichen Flächenpauschale. Darunter versteht man eine Veränderung der Subventionspraktiken.

Bis heute nämlich bekommen jene Bauern die meisten Zuschüsse vom Staat und von der EU, die am meisten produzieren. Also Masse. Davon profitieren Maisbauern und überdimensionierte Tiermästereien. Kleinbetriebe gehen leer aus. Das heißt, alle Bauern, die ihre Kühe auf die Weide treiben, die übersehbare Mengen von Getreide und Gemüse anpflanzen und überhaupt ökologisch wirtschaftende Höfe unterhalten. Im Gegensatz zu ihnen streichen zwei Prozent unserer Agrarfabriken vierzig Prozent der Brüsseler Prämien ein.

Eine Hand voll von Großagrariern wird dafür bezahlt, dass sie minderwertige Lebensmittel produzieren und die Umwelt versauen. Sie kriegen Geld geschenkt, weil sie billige Massenware herstellen. Was konsequenterweise zur Umweltzerstörung durch industrielle Anbaumethoden führt, zu übermäßigem Einsatz von Kunstdünger und chemischen Giften.

Mit anderen Worten: Der Betrug am Konsumenten wird unterstützt und belohnt.

Die Großagrarier haben seit jeher eine mächtige Lobby, nämlich den Deutschen Bauernverband mit seinem Präsidenten Gerd Sonnleitner und die Landesregierungen von Bayern und Baden-Württemberg. Sie spielen die gleiche verhängnisvolle Rolle wie vor einem halben Jahrhundert der ADAC, auf dessen Betreiben überall in Westdeutschland die Alleebäume abgesägt wurden.

Heute schwärmen Urlauber von den Alleen in der ehemaligen DDR. Sollten die jedoch nach und nach ebenfalls für die angebliche Sicherheit der Autofahrer verschwinden, so geschieht das nicht etwa in Sorge um die jugendlichen Discobesucher, die ihren Rausch an Alleebäumen zu beenden pflegen, sondern es geschieht in Wirklichkeit, damit den Bauern wieder einige Quadratmeter mehr für den hoch subventionierten Maisanbau zur Verfügung stehen.

Auch die angeblich so nützliche Flurbereinigung der sechziger Jahre war nur nützlich für Großbauern und den Straßenbau. Den Charakter der deutschen Landschaft hat sie brutal zerstört.

Das alles geschieht heute immer noch. Und der eingangs erwähnte agrarpolitische Sprecher beim Bund für Umwelt und Naturschutz meint dazu, es würde sich "die Gesellschaft bald fragen, warum sie Milliarden ausgerechnet an diejenigen Landwirte zahlen soll, die verantwortlich sind für Überproduktion, Pestizide, Nitratbelastung, Massentierhaltung und Landschaftszerstörung".

Bald würden wir uns das fragen? Warum nicht heute, nicht gestern? Wann ist bald?

Bald ist zu spät. Wenn wir uns erst künftig Gedanken machen über die Schweinerei, die unsere Agrarlobbys seit Bestehen der Bundesrepublik auf unserem Boden anrichten, dann geschieht es uns nur recht, wenn wir uns von Allergien plagen lassen und alle naselang gemeinsam mit Bild vor einer neuen Seuche in Panik geraten.

Diese Geiz-ist-geil-Gesellschaft, die wegen der Praxisgebühr von zehn Euro am liebsten die Regierung stürzen würde, lässt es sich seit Jahrzehnten gefallen, dass unsere Umwelt mit geradezu krimineller Energie systematisch zerstört wird – wofür die dankbaren Mitglieder der Bauernverbände treu zu den Unionsparteien stehen. Unsere Freizeit- und Spaßgesellschaft fährt ungerührt ans Mittelmeer, während zu Hause skrupellose Profiteure über die ach so geliebte Natur herfallen und keine intakte Weide und keine blühende Wiese übrig lassen. All das ist nicht neu. Es müsste jedermann bekannt sein, wenn sich Herr Jedermann überhaupt dafür interessierte. Aber eher restauriert er sein toskanisches Ferienhaus mit umweltfreundlichem Material, als dass er seiner Partei mit dem Austritt drohte. Lieber kauft er zum Wochenende einen Biojogurt, als dem zuständigen Funktionär die Fensterscheiben mit einem tiefgefrosteten Kotelett einzuschmeißen.