Manchmal holt einen die Vergangenheit ein. Das kann durchaus schön sein. Selbst wenn dir auf einem ohnehin windigen Bahnhof ein kalter stürmischer Regen ins Gesicht schlägt, was der Konzentration aufs Schachspiel naturgemäß nicht zuträglich ist. Doch damit hatten auch die werten Gegner zu kämpfen. So wurde im wahrsten Sinne des Wortes mancher Zug verweht und umgeworfen, lediglich die ungleich substanzielleren vorbeifahrenden Züge der DB trotzten schwergewichtig und insofern mit Leichtigkeit des Schicksals Mächten.

Wovon ich da erzähle?

Von einem Simultanspiel auf dem Bahnsteig des Bamberger Bahnhofs. Eingeladen hatte das Bahnsozialwerk (BSW) anlässlich seines 100. Geburtstags, und zwar den Karl-May-Verleger Lothar Schmid, den Richter Hans-Günther Kestler und mich.

Nun ist es nicht so, dass wir drei bereits die Gründung dieser lobenswerten Einrichtung miterlebt hätten, auch nicht, dass unsere Spielweise diesen Verdacht über Gebühr nahe gelegt hätte – aber allzu viel fehlt uns drei "Uhus" (unter hundert Jahren) nicht mehr dazu.

Einst hatten wir drei dem Bamberger Schachklub von 1868 – er ist also noch etwas älter als das BSW – dreimal die deutsche Mannschaftsmeisterschaft erringen geholfen, hatten viele Jahre das Rückgrat der deutschen Olympiamannschaft im Schach gebildet, und nun drehten wir wieder einträchtig in unserer Heimatstadt nebeneinander unsere Runden. Mit heißem Bemühen, aber dank der Witterung mit kühlem Kopf.

Und trotz unseres fortgeschrittenen Alters war es eine Premiere. Ich habe beim Torneo del vino schon in einem spanischen Weinkeller gespielt, aber noch nie auf einem Bahnhof. Der BSW-Beauftragte Rudolf Fernengel, einer meiner Gegner, mit dem ich vor Urzeiten schon bei einer oberfränkischen Jugendmeisterschaft die Klingen gekreuzt hatte, wies in seiner Eröffnungsansprache auf die Parallelen zwischen Bahn und Schach hin. Zug um Zug kommt man günstigenfalls bei beiden zum erwünschten Ziel, bei der Bahn sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit, beim Schach ist die Erfolgsquote doch deutlich geringer. Das musste auch ein anderer meiner Gegner erfahren. Sehen Sie, mit welcher kleinen Kombination ich als Weißer am Zug meinen Qualitätsvorteil (Turm gegen Läufer) gewaltig vergrößerte und den Schwarzen vor die Alternative Läuferverlust oder matt stellte? Helmut Pfleger

Auflösung aus Nr. 36:
Mit welch hübscher Opferkombination setzte Weiß am Zug matt? Materiell ist Schwarz mit seinen beiden Türmen für die Dame zumindest nicht im Nachteil, doch die lüstern vor seinem in der Mitte stecken gebliebenen König lauernden weißen Figuren lassen Schlimmes ahnen. So gab Schwarz nach dem herrlichen Damenopfer 1.Dd8+! auch schon auf, weil sein König nach der erzwungenen Annahme mit 1…Txd8 am Springermatt 2.Sc7 erstickt.