Zum ersten Mal in der erbitterten Debatte um die Rechtschreibreform hat sich ein Fensterchen mit Aussicht auf eine vernünftige Lösung geöffnet. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, lange wütende Gegnerin der Reform, hat einen Vorschlag zur Güte unterbreitet. Zu Recht nimmt sie an, dass die Reform weder durchgesetzt noch rückgängig gemacht werden kann. Sie schlägt deshalb den Kompromiss einer "reduzierten Reform" vor, nämlich "Übernahme von Teilen des neuen Regelwerks, die brauchbar sind; Erweiterung des Spielraums von Schreibnormen; Rückkehr zur hergebrachten Rechtschreibung, wo die neue fehlerhaft ist".

In der Tat, so könnte es gehen; vorausgesetzt, die Anhänger der Reform ließen von ihrer Rechthaberei ab und die Gegner könnten ihre kleinbürgerlichen Beißreflexe unter Kontrolle halten. Der Vorschlag hat im Übrigen den Vorzug, in der Praxis erprobt worden zu sein. Die Schreibregeln der Nachrichtenagenturen oder die weiter gehenden Modifikationen, die Dieter E. Zimmer für den Hausgebrauch der ZEIT an der Reform vorgenommen hat, folgten schon Prinzipien, wie sie die Akademie jetzt formuliert hat.

Leider ist Eile geboten. Denn schon hat der neue Duden auf eigene Faust Hunderte von eigenmächtigen "Reduktionen" der Reform unternommen, die deren Ungereimtheiten nicht lösen, sondern um neue Ungereimtheiten und lange Listen von Ausnahmen vermehren. Denn so schlecht durchdacht waren die neuen Regeln nun wieder nicht, dass sie sich beliebig und überall dort durchbrechen ließen, wo sie die Schriftbilderwartung des Auges stören. Der "Spielraum von Schreibnormen", den die Akademie anmahnt, muss für den einzelnen Schreiber gelten; der Spielraum ist nicht für den Duden gedacht, damit dieser wiederum seine Lieblingsvarianten durchzusetzen versucht. Vielleicht könnte es sogar gelingen, zu der weisen Regelbeschränkung zu gelangen, die der Germanist Werner Betz in den siebziger Jahren vorschlug, nämlich zu einer Hand voll Regeln, mit denen sich neunzig Prozent aller Fälle lösen lassen, und die restlichen zehn Prozent freizugeben, die allein für die Verzwicktheiten und Widersprüche (übrigens einer jeden denkbaren deutschen Rechtschreibung) verantwortlich sind.

Jens Jessen