Einer jener Anrufe, die ihn an diesem Abend ereilten, war von Johannes B. Kerner, der ihn überredete, ins Berliner ZDF-Studio zu kommen. Carsten Keller, Olympiasieger von 1972 und immer noch die Symbolfigur des deutschen Hockeysports, sagt, er war schon "ein bisschen angetütert" – Grund genug hatte er ja –, und als er gebeten wurde, einen Satz zu sagen, wurde eine ganze Reihe Sätze daraus. Eigentlich wollte er gar nicht mehr aufhören zu reden, jedenfalls hat ihm seine Tochter danach bestätigt, er sei "ganz süß" gewesen. Später ist er zum Berliner Hockey Club "noch einen heben gegangen", und dort im Klubhaus muss es dann passiert sein.

Er kann sich nicht mehr genau daran erinnern, was im Einzelnen er getrunken hat. Und wie er in der Nacht nach Hause kam. Gestern hat er sogar sein Tennisspiel ausfallen lassen, ungewöhnlich für einen disziplinierten Menschen wie ihn. Heute, am Nachmittag des zweiten Tages, gewinnt er allmählich die Kontrolle über seinen Körper zurück. Gleich will er seinen Trainingspartner Hagen Saberschinsky vom Platz fegen, der einmal Berliner Polizeipräsident war und ein hervorragender Läufer ist, was ihm gegen Carsten Keller wenig nutzen wird. Weil Keller eigentlich fast immer gewinnt. Er ist jetzt 64, wirkt höchstens wie Anfang 50, seine Augenbrauen sind buschig wie auf den alten Fotos, und sein zum Pony gekämmtes grau meliertes Haar hat nicht die leiseste Tendenz, dünn zu werden. Er trägt Bluejeans, Polohemd, Turnschuhe und ein jugendliches Lächeln. So sitzt er auf der Tribüne des Tennisclubs Rot-Weiß, umgeben von Wald, wirkt, seiner durchfeierten Nacht zum Trotz, ungemein aufgeräumt, und beantwortet, solange er auf den Expolizeipräsidenten warten muss, zwischendurch noch ein paar Fragen.

Das Halbfinale hatte die ganze Familie nebst Enkelkindern – allesamt selbst große Hockeytalente – zusammen geschaut. Danach sind seine Frau und sein jüngster Sohn nach Athen geflogen, und er hat die Stellung gehalten, auch deshalb, weil man als Allianz-Generalvertreter ja nicht einfach abhauen kann. Das Endspiel habe er ganz bewusst allein sehen wollen. "Man ist so abgelenkt in großen Runden", sagt Carsten Keller. Aber der eine oder andere hat natürlich doch gewusst, dass er zu Hause war. Jedenfalls bekam er in der halben Stunde nach dem Spiel so um die fünfzig Anrufe, Leute, die ihm gratulierten zu einem Sieg, der indirekt ja auch seiner war: Seine Tochter, Natascha Keller, 27, beste Spielerin in Deutschland, hatte mit ihrer Mannschaft gegen den haushohen Favoriten Holland soeben olympisches Gold gewonnen.

Per SMS hatte er ihr noch direkt vor dem Spiel wertvolle Hinweise gegeben. Er hatte zum Beispiel geschrieben: "Ihr habt nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen." Oder auch: "Geh ran und hau das Ding da rein." Das hat sie, gegen ihre Gewohnheit, dann zwar nicht selbst besorgt, aber doch die Vorlage zum vorentscheidenden zweiten Tor gegeben. Durch ein eher glückliches Anschlusstor war es dann noch mal etwas hektisch geworden. Aber dann stand sie da, die Hauptdarstellerin eines deutschen Hockeytraums, eingewickelt in eine schwarz-rot-goldene Fahne, tanzte Sirtaki, und alle Welt schaute zu.

Vater Carsten beendete 1972 die indisch-pakistanische Überlegenheit

Ganz überraschend war das natürlich nicht, jedenfalls nicht für Carsten Keller, denn schließlich gehört es in seiner Familie zum guten Ton, bei Olympia die Medaillen abzuräumen. Sein Vater Erwin hatte 1936 Silber geholt. "Er war nicht sonderlich lauffreudig, aber unglaublich stocksicher." Mutter Hilde Ackermann-Keller war Mittelstürmerin der Nationalmannschaft und ist vermutlich nur deshalb medaillenlos geblieben, weil Damenhockey damals noch nicht olympische Disziplin war. Carsten Keller selbst, der die ersten Hockeytricks noch vor Lesen und Schreiben lernte, beendete die jahrzehntelange indisch-pakistanische Vorherrschaft 1972 in München, als er als Spielführer der deutschen Nationalmannschaft Gold gewann. Auf dem Höhepunkt seiner Sport-Karriere, nach 133 Länderspielen, trat er ab. Wurde Versicherungsmakler und trainierte nur noch Hockey-Mannschaften: Zwölf Mal führte er Jugendteams zur Deutschen Meisterschaft.

Seine Kinder führen die Keller-Saga weiter: Am 28. Oktober 1983 eröffnete der Reporter des pakistanischen Rundfunks seine Reportage mit einer Schreckensmeldung: "Bei Allah, schon wieder ein Keller!" Am Ende reichte es bei Sohn Andreas und seinem Team nur für Silber, vier Jahre später dasselbe, aber im dritten Anlauf, 1992, wurde er dann mit Gold dekoriert. Auch Florian, jüngster Spross aus der Keller-Schmiede, wurde Europameister, und als Tochter Natascha, bereits mehrfache Berliner Tennis-Kindermeisterin, die Sportart wechselte und mit 15 Jahren ihren ersten Einsatz in der Hockey-Bundesliga hatte, wurde sie auf Anhieb Torschützenkönigin. 1999 war sie Welthockeyspielerin des Jahres. Im Grunde hätte in der familieninternen Sammlung noch eine Bronzemedaille gefehlt. Insofern hat sie dem Vater einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er wird es ihr nicht nachtragen.

Eigentlich ist die Keller-Familie also ein Fall für die Genforschung. Keller sagt, das Talent für den Sport im Allgemeinen sei erblich, danach käme es darauf an, in welcher Sportart das Talent geschult würde. Nein, er habe seine Kinder nicht gedrängt, die Begeisterung mitgegeben, das ja, und einen gewissen Ehrgeiz: "Ich bin geborene Jungfrau, denen sagt man das ja ’n bisschen nach." So hatte er vor dem Endspiel 1972 mindestens 1000 Ecken geübt. Denn nur, wer optimal vorbereitet sei, könne im Falle der Niederlage sagen, der andere war eben besser. Er habe seinen Kindern nie Druck gemacht, aber natürlich kann es in einem Kind etwas bewirken, wenn der Vater in jeder freien Minute im Wohnzimmer um den Esstisch herumdribbelt, dabei die Beschädigung von Möbeln und Klavier zugunsten höherer Aufgaben verzeihlich findet und auf dem Balkon das Spiel zwei gegen zwei üben lässt.