Niemand kämpft beherzter für Sozialreformen als Angela Merkel - es sei denn, die Wahlchancen ihrer CDU stehen auf dem Spiel. Ohne großen Kampf hat die Parteichefin ebenjene Pauschalversicherung des Zahnersatzes preisgegeben, die sie vergangenes Jahr in der entscheidenden Verhandlungsnacht im Vermittlungsausschuss vom Bundeskanzler erzwungen hatte. Wollten die Christdemokraten damit im Kleinen nicht schon einmal die große Kopfpauschale für die gesamte Krankenversicherung testen? Niemals, alles ein Missverständnis, heißt es jetzt.

Und Gerhard Schröder? Der Kanzler ist auf Reformmission, seit er erkannt hat, dass Deutschland nicht so weitermachen kann wie früher. Aber auf einmal wittert er auch die Chance, 2006 sein Amt doch noch zu verteidigen - also soll es keine weiteren Sozialreformen mehr in dieser Amtszeit geben. Die Pflegeversicherung wird so geringfügig verändert, wie es die Rechtsprechung zulässt. Die Bürgerversicherung verschwindet, unausgegoren, wie sie ist, in der Schublade mit der Aufschrift Wahlkampf-Bonbons. Und der Zahnersatz wird vielleicht Mitte nächsten Jahres zusammen mit dem Krankengeld umgeschichtet.

Oder Ende des Jahres. Mal schauen.

Problematisch ist das alles nicht deshalb, weil einzelne Maßnahmen verschoben werden. Problematisch ist die gemeinsame Haltung dahinter: Schluss mit dem Wandel, denn jetzt regiert wieder politische Taktik. Auf Wiedersehen bis 2007.

Diese Haltung erinnert an das Jahr 2000, als der Kanzler nach Steuer- und Rentenreform fand, es sei genug - und eine ruhige Hand gelobte. Das Bild stimmte schon damals nicht: Tatsächlich zuckte seine Hand vor weiteren Umbauten zurück. Nun, wiederum zur Hälfte der Amtszeit, zittert nicht nur dem Regierungschef die Hand, sondern auch seiner Widersacherin.

Geringfügig niedrigere Beiträge in der Krankenversicherung reichen aber nicht, um die deutsche Lohnkostenmisere zu beenden. Den Druck bekommen dann jene Arbeitnehmer zu spüren, die für weniger Geld länger arbeiten sollen, und die Arbeitslosen, die erst gar keine Anstellung finden.

Außerdem ist der Sozialstaat ein solch vielgestaltiges Gebilde, dass der Umbau an einer Stelle zu allen möglichen ungeahnten Wirkungen führen kann.